"Der Unterschied ist die Intelligenz"

13. Jänner 2009, 19:43
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Der Biologe Ulf Dieckmann sieht Parallelen zwischen genetischer und kultureller Evolution und meint im STANDARD-Interview, dass natürliche Auslese auch heute stattfindet

STANDARD: Gibt es etwas, das die Menschen aufgrund ihres genetischen evolutionären Potenzials grundlegend von den Tieren unterscheidet?

Dieckmann: Also, von diesem Potenzial her unterscheiden sie sich nicht grundlegend. Die Evolutionsbiologie geht davon aus, dass im Laufe von genügend Zeit Tiere vergleichbare Fähigkeiten wie der Mensch entwickeln würden. Derzeit ist es seine Intelligenz, die ihn grundlegend von den Tieren unterscheidet. Diese Intelligenz ermöglicht kulturelle Evolution, also die Entwicklung und Weitergabe von geistigen Produkten wie etwa sozialen Normen, Kunst, Religion, Technik, Wissenschaft.

STANDARD: Wird kulturelle Evolution auch durch Zufall und Notwendigkeit bestimmt?

Dieckmann: Es gibt erstaunliche Parallelen zwischen der genetischen und der kulturellen Evolution: Bei der genetischen wird durch Zufallsvariation der Gene eine Vielfalt an Eigenschaften bereitgestellt, die dann der natürlichen Auslese unterworfen sind. Bei der kulturellen Evolution geht es um eine Vielfalt an Konzepten, die sich in der Gesellschaft durchsetzen oder nicht.

STANDARD: Findet Auslese in westlichen Industrienationen noch statt?

Dieckmann: Ich denke schon. Kurzsichtigkeit etwa nimmt deutlich zu. Das kann daran liegen, dass wir heute z. B. nicht mehr jagen und deswegen der Selektionsdruck auf gute Fernsicht vermindert ist. Es gibt auch die Theorie, dass Kurzsichtigkeit in einer Gesellschaft, in der Arbeit oft nah am Auge stattfindet, einen Selektionsvorteil darstellt. Was die Anzahl der Kinder betrifft, gibt es eine Studie aus dem Jahr 2008, die belegt, dass Männer im Mittel desto mehr Nachkommen haben, je höher ihr Einkommen ist.

STANDARD: Bleibt in der Evolutionstheorie, wo es um Konkurrenz geht, Raum für Kooperation?

Dieckmann: Konkurrenz und Kooperation schließen einander nicht aus. Heute versteht man, dass Gruppen, die zusammenarbeiten und somit egoistisches Verhalten vermeiden, andere Gruppen überflügeln, die das nicht machen. Kooperatives Verhalten ermöglicht zum Beispiel technische Errungenschaften. Gleichzeitig bewirken kooperative Entwicklungen, die einer Bevölkerung als Ganzes zugutekommen, ein Ansteigen der Bevölkerungsdichte und in weiterer Folge eine verschärfte Konkurrenz. (Susanne Strnadl/STANDARD,Printausgabe, 14.1.2009)

Zur Person
Ulf Dieckmann (42) ist theoretischer Biologe und arbeitet am International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) in Laxenburg.

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