"Blutiger Schnee"

13. Jänner 2009, 19:05
63 Postings

"Thema" macht einen seriösen Eindruck. Ungefähr zwei Minuten, denn schon der erste Beitrag zerstörte die Hoffnung ...

Das neue "Thema" macht einen seriösen Eindruck. Ungefähr zwei Minuten lang. Dann ist die geschäftige, Aktualität insinuierende Einstiegssequenz vorbei, und Moderator Christoph Feurstein hat "Hallo" gesagt.

Schon der erste Beitrag der neu gestalteten Sendung zerstörte die Hoffnung auf die Transformation in eine dem öffentlich-rechtlichen TV-Konzept würdige Nachrichtenstrecke. Es scheint sogar schlimmer geworden zu sein: "Blutiger Schnee" wird anmoderiert. Die Unfälle auf den Pisten dienen als Aufhänger, um das persönliche Drama von Witwer Bernhard Christandl auszustellen. Seine Frau starb beim Unfall mit Thüringens Ministerpräsidenten Dieter Althaus. Christandl wiederholt mehrmals, dass er seine Frau vermisst. Hier geht es nicht um Information über Skiunfälle, sondern um das Beobachten von Trauer.

Nicht genug. Als Nächstes geht im Interview mit Feurstein eine Frau an die Öffentlichkeit, die als Kind missbraucht wurde. Anonymisiert ruft sie sich am Ort des Verbrechens Details in Erinnerung, bevor wir hautnah und als Erste die Tränen bei der Zusammenführung der Familie Zogaj zu sehen bekommen.

Ein wenig Hintergrund, ein Experteninterview hier, eine Statistik dort verblassen hinter den Rühr- und Schauerstücken, die individuelles Leiden intensiv, gierig und freudvoll ausmalen. Abwägende Veranschaulichung der Problembereiche bleibt ein Wunschtraum.

In einer Aufmachung, die ein eher nüchternes Nachrichtenmagazin vorgaukelt, reflektiert das Boulevardstück exemplarisch die Schizophrenie eines öffentlich-rechtlichen Fernsehens, das sich ganz dem Rennen um die Quote verschrieben hat. Der Boulevard im Privatfernsehen ist ehrlicher. (Alois Pumhösel/DER STANDARD; Printausgabe, 14.1.2009)

 

 

  • Moderator Christoph Feurstein.
    foto: orf/leitner

    Moderator Christoph Feurstein.

Share if you care.