Tiroler Glaube in den Zeiten der Mobilität

13. Jänner 2009, 19:00
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Wegen Priestermangel organisiert sich die Kirche wie ein multinationaler Konzern

Innsbruck - "Erst letzte Woche ist Pfarrer Heinrich von Eben am Achensee gestorben, jetzt wird's dort erst einmal eng mit der Seelsorge für die rund 2700 Katholiken" , beschreibt Franz Stocker von der Diözese Innsbruck die Nachfrage nach offenen Priesterstellen.

Mittlerweile seit rund 15 Jahren organisiert die Diözese Innsbruck den katholischen Glauben rund um den "Priestermangel" . Seither wurden 42 der 286 Pfarren zu sogenannten "Seelsorgeräumen" zusammengelegt, das heißt: Der Priester reist von einem Ort zum nächsten, um mehrere Pfarrgemeinden zu betreuen.

Sonntagsmesse bereits am Samstagabend in einem Ort und am Sonntagvormittag im anderen. Die Pfarren gelten damit zwar als "nicht besetzt" , haben aber immerhin einen zuständigen Priester. Organisierte Religiosität eben: "Ältere Priester helfen weiter in den Gemeinden mit, und es gibt mehr theologisch gebildete Laien" , erklärt Franz Stocker das System.

Für Jósef Niewiadomski, den Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck, ist der Priestermangel in Tirol ein Ausdruck des "Zeitgeistes" und hat seinen Ursprung im Tiroler Wirtschaftsaufschwung - ausgelöst durch den Tourismus. Ortschaften in den hintersten Tälern wurden zu Touristenhochburgen. "Einstmals geschlossene kirchliche Szenen wurden durch internationale Gästescharen sehr schnell geöffnet" , erklärt Niewiadomski die "aggressive Entkirchlichung" Tirols.
Verlust der Werte

Die Bevölkerung sei durch die Touristen "massiv" mit anderen Lebensweisen konfrontiert worden. In den meisten Ortschaften gebe es damit einhergehend einen "Bruch in den überlieferten Traditionen" . Als Beispiel nennt er Weihnachten: Vor zwanzig Jahren seien alle, absolut alle Zimmer in den Hotels vermietet worden, die Kinder mussten in der Hochsaison in den Keller übersiedeln. Das Weihnachtsfest wurde quasi abgesagt, die eigene, traditionelle Lebensweise sei damals komplett aufgegeben worden. Jahrhundertelang überlieferte Werte spiegeln sich jetzt nur mehr in Brauchtumsveranstaltungen für Gäste aus aller Welt.
"Religiosität gehört aber zu Tirol. Denn Tirol ist ein Land mit religiösen Festen und Symbolen", so Niewiadomski.

Die Folge dieses Wandels von tiefer Religiosität zu oberflächlichem Brauchtum sei "eine extreme Säkularisierung" , so der Religionswissenschafter. Die erste Generation dieser "entwurzelten Hoteliers-Kinder" sei mittlerweile erwachsen: Immer mehr, immer schneller und größer, so laute die Devise der "Kinder des Tourismus" , beobachtet Niewiadomski.
Seit kurzer Zeit gebe es aber wieder einen Schwenk zurück in Richtung des gelebten Glaubens. Niewiadomski erzählt von der Messe am Heiligen Abend in der Kapelle am Höttinger Bild, im Wald über Innsbruck. Der Andrang sei enorm gewesen, der "spirituelle Hunger" in Tirol offenbar wieder da.

Multikulturelle Kirche

Der Ansturm auf das Priesteramtsstudium lässt allerdings noch auf sich warten. In der Zwischenzeit ähnele die Organisation der katholischen Seelsorge der Arbeit "multinationaler Konzerne" . Den gebürtigen Polen, der seit rund zwanzig Jahren in Innsbruck lebt, stört das nicht im Geringsten. "Mobilität ist in aller Munde" , meint er: "Und die katholische Kirche lebt diese Mobilität auch: mit Pfarrern aus der ganzen Welt." Katholiken in Lienz und St. Andrä werden etwa von Pfarrer Jean-Paul Ouedragaogo aus Burkina Faso betreut. In Vomp lädt der Pole Stanislaus Majewski jeden Sonntag zur Heiligen Messe. Für die Bevölkerung kein Problem, Glaube sei Glaube, heißt es aus der Diözese.  Und für die Seelsorge in der seit letzter Woche verwaisten Gemeinde am Achensee wird jetzt Pfarrer Alois Ortner aus Münster aus der Pension zurückgeholt. Bis zur "Neuorganisation" des Pfarramts. (Verena Langegger/DER STANDARD-Printausgabe, 14. Jänner 2009)

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