Potenziell brandgefährlich

13. Jänner 2009, 18:21
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Zur Uraufführung von Ronald Pohls "der zuschließer - eine theaterdemontage" im Theater Drachengasse

Wien - Und was bitte ist jetzt dieser Bruckmeier für einer? Will andauernd etwas loswerden und scheitert dabei schon am Pförtner. Ist emotional hochgerüstet, als gelte es, allen Verdammten der Vororte der Hauptstädte dieser Welt gleichzeitig zum Recht auf Ruhm zu verhelfen, zu einem Scheinwerfer, der ihnen folgt, anstatt sie vor sich her zu treiben. Lässt sich von einem ausgestopften Portier (gelungene Sparmaßnahme, Kapitel Effizienzsteigerung) beeindrucken, spürt den Che in sich toben und hofft auf ein Casting als Pforte ans Licht. Hat sein Pferd gesattelt, um Bierflaschen in den Steigbügeln zum Überschäumen zu bringen, und hofft, vermittels der Erfüllung ihres Bedürfnisses nach Filterkaffee das Herz der mächtigen Intendantin - auf die eigene Reime nach klassischem Vorbild zu schmieden er genug weiß - durch den Hintereingang zu erobern; er, der Prinz, der Hamlet, der Kenner sämtlicher Details der Lage. Weil: Seine Schule war hart, hat dort begonnen, wo die Klischees des Welttheaters wacker hochgehalten werden, wo störrisch geklammert wird an der Bühne als Stadion für Deklamationssport. Er hat das alles drauf: Er, Bruckmeier, hat hundertfach gespielt und inszeniert und Häuser gegründet und selbst in Mürzzuschlag Pohls sudelküche seelenruh souverän zur Uraufführung gebracht. Er, Bruckmeier, er ist die Rampensau, er, Bruckmeier, könnte dem Warten ein Ende bereiten, wäre hochentzündlich, würde die Intendantin doch endlich auch nach ihm verlangen. Nach ihm, der die Drachengassen gerade so gut kennt als Mülheim und die Opernhäuser.

Und was wird ihm zugemutet, seiner revolutionären Seele aufgebürdet? Beckett. Und dort der Baum. Den darf er geben, das ist der Preis, den Pförtner zu überwinden. Um dann zumindest im Schminkzimmer Gottbruckmeierheldensagen vorzutragen, Engagementpirouetten zu drehen, unerbittlich vorzugehen, auf dass die Welt und das Theater endlich eins werden, die Stoffe nicht länger mehr geschändet werden müssen, verdammt sind, als Material für dann naturgemäß sprachlose Aufführungen herzuhalten.

Er hat es so satt, den Baum zu spielen, im haut- wie herzzerreißend kratzenden Borkenkostüm reglos auf der Bühne zu verharren, derweil andere - Günstlinge und Sympathen - schmierige Komödien zum Besten geben.

Ein Polonius, verschnürt in einem Avantgardekorsett - das kann nicht gutgehen, das schreit nach Bier und Monologen an der Bar, da braucht es schon feuchte Träume vom Treiben auf gut eingerittenen Besetzungscouchen, da kann man schon auch einmal ins Zaudern kommen, überlegen, ob die einen eigentlich verdient haben. Oder ob nicht doch eher ein Neuanfang zu wagen wäre, eine Aufrollung des ganzen miesen Betriebs von hinten - ein nachdrücklicher Zutrittswunsch, formuliert mithilfe eines Chors von Negern?

Allein, ein Vorsprechen ist heute sicher nicht mehr möglich, ein diesbezüglicher Termin in weiter Ferne. Bleibt Bruckmeier, sich an der Bar zu entblößen, auf dass vielleicht von dort aus jemand ihn, den Schinken, ranlässt, ihn mit Blicken verzehrt, ihm zusieht und hernach seine Nummer wählt:

"Pohl hier, ich bin Autor, ich habe Ihren Text geschrieben, ich habe Ihre Rolle erkannt. Sie, Bruckmeier, sind Generalist, Sie haben es drauf, Sie geben diesen letzten großen Bühnenabend - und dann geht's weiter." (Markus Mittringer/DER STANDARD, Printausgabe, 14. 1. 2009) 

Bis 24. 1., Tickets: (01) 513 14 55

Markus Mittringer, Kunstkritiker des STANDARD, erlebt seinen Kollegen Pohl als uraufgeführten Autor.

  • Stephan Bruckmeier spielt und inszeniert die Figur "Bruckmeier", die Ronald Pohl ihm zugeschrieben hat.
    foto: theater drachengasse

    Stephan Bruckmeier spielt und inszeniert die Figur "Bruckmeier", die Ronald Pohl ihm zugeschrieben hat.

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