Jahr der Ungewissheit

13. Jänner 2009, 18:13
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Niemand weiß, ob es diesmal so schlimm kommt wie in den frühen Dreißigerjahren

An die große Wirtschaftskrise der frühen Dreißigerjahre des vorigen Jahrhunderts kann sich niemand, der jetzt lebt, noch persönlich erinnern. Was Massenarbeitslosigkeit ist, wissen wir aus Büchern und Filmen. Wenn dieses Phänomen wiederkehrt, wird es aussehen wie damals? Oder ganz anders? Jetzt schon, erfahren wir, sind 31 Millionen Amerikaner auf Lebensmittelhilfe angewiesen. Es wird in der westlichen Welt wieder gehungert.

Auf den Fotos von damals sehen wir Männer, die an Straßenecken stehen, ein Pappschild um den Hals. Darauf steht "Ausgesteuert! Mache jede Arbeit". Wir sehen Suppenküchen, Menschenschlangen davor. Frauen mit weißen Häubchen schöpfen Suppe, füllen sie in entgegengestreckte Teller. Wir sehen Familien, die Leiterwägelchen durch die Straßen schieben, darauf haben sie Äste und Zweige zum Heizen gestapelt, im Park aufgelesen. Wir sehen Kinder, die hinter Lastautos herlaufen und heruntergefallene Kohlenstückchen aufheben. Das jedenfalls wird es heutzutage nicht mehr geben. Es gibt keine Kohlenautos mehr, und kaum jemand hat noch einen Ofen, den man mit Holz und Kohlen heizen kann.

Auch politische Demonstrationen sind auf den Bildern aus jenen Depressionsjahren reichlich zu sehen. Nazis marschieren, Kommunisten demonstrieren. Hakenkreuze und rote Fahnen machen die Straßen bunt. Und die Zeit der großen Krise war auch eine Epoche, in der die Literatur und die Künste sich von der Misere inspirieren ließen und reiche Früchte trugen. Bertolt Brechts Theaterstücke, Hanns Eislers Solidaritätslied, John Heartfields Collagen und George Grosz' bitterböse Malereien, in Österreich Jura Soyfers Satiren und Ödön von Horvaths Dramen. Freilich, die engagierten Künstler und die politisch bewegten Jungarbeiter waren eine Minderheit. Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld konstatierten bei den Arbeitslosen im niederösterreichischen Mariental, die sie beobachteten und deren Reaktionen sie studierten, keinen Zorn, der zum Handeln treibt, sondern dumpfe Resignation. Die Menschen waren mit dem Überleben beschäftigt, für alles andere hatten sie keine Kraft mehr.

Niemand weiß, ob es diesmal so schlimm kommt wie damals, und wenn, wie die Antwort der Heutigen auf Firmenzusammenbrüche und Arbeitslosigkeit ausfallen wird. Manche Rahmenbedingungen sind anders. Die Alten haben von Krieg und Nachkriegszeit her noch Erfahrung im Ertragen und Überlisten von schlechten Zeiten. Die Jungen haben von klein auf Flexibilität und Anpassungsfähigkeit gelernt. Insgesamt sind die Menschen besser ausgebildet. Die Politiker und Ökonomen verfügen angeblich über bessere Instrumente zum Krisenmanagement. Die Zivilgesellschaft mit ihren vielfältigen Hilfsangeboten hat sich weiterentwickelt. Andererseits gibt es heute, anders als damals, das große Heer der Migranten, das Aggressionen auf sich zieht. Und es gibt, ebenfalls anders als in den Dreißigern, keine überzeugende Ideologie, weder links noch rechts, die scheinbar einen rettenden Ausweg aus aller Not parat hält und den Menschen Hoffnung gibt. - Das Krisenjahr 2009 hat gerade erst begonnen. Wir werden sehen, was es bringt und wie wir damit umgehen werden.  (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, Printausgabe, 14.1.2009)

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