Rundschau: Unschöne Dinge

    28. Februar 2009, 13:24
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    "Majestrum", "Lotus-Effekt", "Fabelheim", "Nachtreiter", "Alles bleibt anders" sowie Bücher von Greg Keyes, Daniele Nadir, David Marusek und Iain Banks

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    coverfoto: atlantis

    Siegfried Langer: "Alles bleibt anders"

    Broschiert, 241 Seiten, € 13,30, Atlantis 2008.

    Eben noch war's eine Berlin-typische türkische Picknickszene im Park, und zack: In einem Wimpernschlag ist sie weg und der Protagonist findet sich mit Gedächtnisverlust und einem mysteriösen Medaillon um den Hals in einer völlig anderen Umgebung wieder. Und die überrascht nicht nur ihn, sondern auch den Leser: Denn während auf dem Cover Albert Speers Große Halle prangt und im Klappentext von einem Dritten Reich, das das Jahr 1945 überlebt hat die Rede ist, sieht's hier doch ganz anders aus. Und irgendwie beschaulich noch dazu: Zwar ist alles in gotischen Lettern beschriftet, doch hat man von Hakenkreuzen und Hitler noch nie etwas gehört. Auf dem Friedhof finden sich jüdische Gräber ganz selbstverständlich neben christlichen und in den Straßen ziehen Droschken und Pferdestraßenbahnen an Kolonialwarenläden vorbei. Man wähnt sich im wilhelminischen Deutschland, doch heißt der aktuelle Kaiser Georg Friedrich und das Radio verkündet die Nachrichten vom 25. Mai 2008 ...

    Als der Protagonist neben seinem Namen - Frank Miller - auch noch den Umstand erfährt, dass er eigentlich vor ein paar Jahren gestorben ist, verharrt "Alles bleibt anders" - und das ist eine gute Sache! - vorübergehend in einem völligen Schwebezustand, in welchem Genre wir uns eigentlich befinden und wie es weitergehen wird. Der Folgeabschnitt wird dann aber ein Drittes Reich einführen, das 1945 tatsächlich überlebt hat, das Computer und Mobiltelefone kennt und eine bemannte Mission zum Mars vorbereitet. Und auch hier ist ein Frank Miller unterwegs: Zunächst zum Physikstudium nach Oxford im okkupierten Angelsachsen, später in deutlich heiklerer Mission.

    Der "Endsieg" des Dritten Reichs dürfte wohl das beliebteste Thema für Alternativweltromane überhaupt sein. Er bildete die ganz unterschiedlich weiterentwickelte Ausgangsidee für Klassiker wie Philip K. Dicks "The Man in the High Castle" ("Das Orakel vom Berge") oder Otto Basils "Wenn das der Führer wüsste", Robert Harris' 1994 verfilmten Roman "Fatherland" oder Fred Allhoffs 1940 veröffentlichten Fortsetzungsroman "Lightning in the Night": literarisch gesehen ein trashiges Propaganda-Werk, aus zeitgeschichtlichen Gründen allerdings sehr interessant (1984 bei Heyne unter dem Titel "Blitzkrieg. Die Nazi-Invasion in Amerika" erschienen).

    Unter all diesen Stimmen einen eigenen Zugang zu finden ist nicht gerade einfach - Siegfried Langer gelingt es aber. Der aus dem Allgäu stammende und mittlerweile in Berlin lebende Autor legt einen spannenden Debütroman vor, der mehrfach mit Schauplatz- und Handlungswechseln überrascht. Eines der Highlights ist die Schilderung eines besonders bizarr geratenen müllstrotzenden Berlins, in dem Frauen mit Kopftüchern und Jugendliche mit Irokesenfrisuren auf den Straßen unterwegs sind und wo die Straßenreinigung den für Langers supergermanisch erzogene Sliders unverständlichen Slogan "We kehr for you" am Overall trägt. Welch seltsame Verläufe die Geschichte doch nehmen könnte ...

    "Alles bleibt anders" erinnert von seiner Anlage her am ehesten noch an Stephen Frys "Making History" - wenn es auch von anderen Voraussetzungen ausgeht und zunächst einmal auf "Surfing History" setzt. Eine bange Frage freilich bleibt am Ende offen: Wie bereit sind in einem bestimmten System aufgewachsene Menschen wirklich, dieses an der Wurzel zu ändern? Oder anders gefragt: Wer von uns würde in die Zeitmaschine steigen und den europäischen Kolonialismus der vergangenen Jahrhunderte verhindern, um so vielleicht ein paar hundert Millionen Menschen vor der Verelendung zu bewahren? Das darf dann jeder für sich selbst beantworten.

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