Rundschau: Unschöne Dinge

    28. Februar 2009, 13:24
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    coverfoto: heyne

    Iain Banks: "Die Sphären"

    Broschiert, 797 Seiten, € 16,50, Heyne 2008.

    Liest man den Rückseiten- und den Klappentext zu "Die Sphären", drängt sich einem der Eindruck auf, es mit zwei vollkommen verschiedenen Büchern zu tun zu haben, eines davon Hard SF und das andere Fantasy. Die einfache Lösung liegt darin, dass "Matter" (so der in seiner Mehrdeutigkeit passendere Originaltitel des Romans) der neuste Beitrag zu Iain Banks' "Kultur"-Zyklus ist - und das ist ein Hintergrund, dem die zivilisatorische Vielfalt von Anfang an eingebaut wurde.

    Vorkenntnisse sind nicht notwendig, aus dem 24(!) seitigen Glossar am Romanende können sich auch NeueinsteigerInnen den Hintergrund erschließen - hier aber ein kurzer Abriss: Die Kultur ist die weit über die Milchstraße verstreute Gesellschaft der Menschen, ein anarchistisches Utopia, in dem Geld, Herrschaft und Krankheiten unbekannt ist, Freizeit den Normalzustand darstellt und dank vollendeter technischer Möglichkeiten völlige Selbstdarstellungsfreiheit ermöglicht wurde: Sei es, dass man das Geschlecht wechseln will oder sich - wie eine der Nebenfiguren in den "Sphären" - der Umwelt als sprechender Busch präsentiert. Menschen und künstliche Intelligenzen leben gleichberechtigt nebeneinander, hier etwa die Spezialagentin Djan Seriy Anaplian und die Roboter-Drohne Turminder Xuss. Und dass die beiden überhaupt so etwas wie einen Beruf ausüben, drückt schon ihren seltenen Sonderstatus aus: Im Auftrag der Besonderen Umstände, einer Gruppierung, die knifflige Kontaktmissionen zu weniger entwickelten Zivilisationen durchführt, verschlägt es die beiden auf eine Schalenwelt - und zwar diejenige, auf der Djan Seriy einst geboren wurde.

    Einsatzort ist Sursamen, eine von einstmals tausenden Schalenwelten, die vor einer Milliarde Jahre von einer Superzivilisation gebaut wurden. Ursprünglich könnten sie Feldprojektoren eines die gesamte Milchstraße umgebenden Schilds gewesen sein, längst sind die 45.000 Kilometer durchmessenden Welten aber ihrer Funktion beraubt. Statt dessen haben Immigranten aus allen möglichen Völkern die konzentrischen Schalen im Inneren der Hohlwelten besiedelt (Der reißerische Satz Die Habitate sind eine gigantische Falle für die menschliche Zivilisation auf der Buchrückseite ist übrigens komplett erfunden ...). Überwacht werden die Schalenwelten und ihre BewohnerInnen von verschiedensten Beteiligten: Hochentwickelten raumfahrenden Rassen, die zusammen mit der Kultur die galaktische Meta-Zivilisation ausmachen. Dabei bilden sie - ausgehend von ihrem Entwicklungsstand - eine Kette einander übergeordneter Instanzen, die der Interspezies-Hierarchie in David Brins "Uplift"-Romanen ähnelt.

    Die eigentliche Handlung entspinnt sich entlang der Abenteuer dreier Halbgeschwister aus dem quasi-mittelalterlichen Volk der (menschlichen) Sarl, welche eine der Ebenen Sursamens besiedeln: Ferbin, ein eingebildeter Nichtsnutz-Prinz, der zum Zeugen der Ermordung seines Vaters wird und zusammen mit seinem klugen Diener Holse von seiner Heimatebene flüchten muss. Oramen, der zum Prinzregenten ernannt wird und zum Opfer politischer Intrigen prädestiniert scheint, sich aber zusehends vom Träumer zum selbstbestimmten Akteur mausert. Und schließlich Djan Seriy, die als Halbwüchsige im Zuge eines Tauschgeschäfts an die Kultur abgegeben wurde und nun gleichsam als Superwesen zurückkehrt. Banks versteht es sehr gut, den Kontrast der Kulturen zu zeigen: Auf der einen Seite die kriegerischen Sarl, die in einem fort hochtrabende Worte über Ehre, Anstand und Zukunftsvisionen absondern, während ihnen das Blut von den Fingern tropft. Und auf der anderen Seite die technisch und moralisch überlegene Kultur: Die gibt sich zwar mit Wonne ihren kindischen Zügen hin. Aber sie läuft.

    Angereichert sind die Odysseen der drei ProtagonistInnen mit Anfällen von Banks' schrägem Humor, bei denen er gelegentlich auch etwas über die Stränge schlägt: Sei es dass die Drohne Turminder Xuss Djan Seriy als Dildo getarnt begleitet, seien es die Allüren der autonomen Raumschiffe der Kultur. Als Körper der Gehirne, der höchsten Intelligenzen innerhalb der Kultur, reisen sie nach eigenem Ermessen durchs Universum und schmücken sich mit absurden Namen wie Leicht Angebraten Auf Dem Realitätsgrill oder Es Ist Meine Party Und Ich Singe Wenn Ich Will, was nicht nur Djan Seriy an den Nerven zerrt. LeserInnen des "Kultur"-Zyklus sind derartige Seltsamkeiten allerdings längst vertraut.

    "Die Sphären" ist - verglichen etwa mit "Einsatz der Waffen" oder "Bedenke Phlebas" - sicher nicht der herausragendste Roman aus dem "Kultur"-Zyklus, aber immer noch ein grellbuntes Abenteuer voller intelligenter Seitenhiebe. Der Schluss, der ebenso schnell wie unerwartet daherkommt, dürfte den einen oder die andere vergrätzen - passt aber in Kombination mit den politischen Aspekten des Epilogs (nach dem Glossar angehängt!) perfekt in die Philosophie eines Autors, der so etwas wie die Kultur überhaupt erst erfinden konnte.

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