Krise schon vor der Krise?

13. Jänner 2009, 17:19
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Eine Diskussionsrunde stellte die Frage, inwieweit Frauen von der Wirtschaftskrise betroffen sind - Einschätzungen von Expertinnen aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft

Fünf Diskutantinnen gingen im Wiener Depot der Frage nach, inwieweit die Wirtschaftskrise Frauen betrifft oder betreffen wird. Dabei standen jedoch die bestehenden Differenzen zwischen Männern und Frauen auf dem Arbeitsmarkt deutlich im Vordergrund: Schlechtere Einkommen, die einschlägige Berufswahl von Frauen und Mädchen oder auch die überwiegend weibliche Teilzeitbeschäftigung waren die Hauptthemen. Eine Krise vor der Krise wurde somit vorwiegend von den Expertinnen besprochen. Es diskutierten Marion Breiter vom Netzwerk Österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen, Renate Csörgits (Bundesfrauenvorsitzende des ÖGB), Adelheid Fürntrath-Moretti (Bundesvorsitzende Frauen und Wirtschaft, WKO und Nationalratsabgeordnete der ÖVP), Ulrike Mühlberger (Ökonomin beim Österreichischen Wirtschaftsförderungsinstitut WIFO) und Erna Dittelbach von feminist-attac unter der Moderation von Katharina Ebner.

Ist die Krise schon längst da?

Ebner wollte zunächst den Status quo klären und stellte die Frage nach der gegenwärtigen Situation von Frauen am Arbeitsmarkt. Die folgenreiche Segmentierung des Arbeitsmarktes beginnt bereits bei der einschlägigen Berufswahl von Mädchen, so Renate Csörgits. In den Entscheidungen von Mädchen für Lehrberufe wie Verkäuferin, Frisörin oder Bürokauffrau sieht Csörgits bereits die Einkommensunterschiede vorangelegt. Aber auch Babypausen sieht sie als "Rucksack", die den Weg zu einem gleichen Lohn für Männer und Frauen erschweren. Teilzeitarbeit betonte Csörgits als weiteren Faktor. Teilzeit in Österreich ist vor allem durch einen geringen Stundenumfang und durch eine Beschränkung des beruflichen Aufstiegs gekennzeichnet, erklärte Renate Csörgits. Während Männer vorwiegend Teilzeitarbeit für ihre Fortbildung nutzen, liegt der Grund, warum Frauen Teilzeit arbeiten, in der unentgeltlichen Betreuungsarbeit Zuhause. Diese sei aber nicht beendet, wenn die Kinder diese Betreuung nicht mehr brauchen. Häufig gehe die Betreuungsarbeit mit der Pflege von den Ältesten in der Familie weiter. Natürlich seien somit auch die dadurch anfallenden Ausfälle und deren Auswirkungen auf die Pensionen der Frauen nicht zu vergessen, so Csörgits.

Teilzeit gleichbedeutend mit "prekär"?

Angesichts dieser "Klassiker" der Frauen- und Arbeitsmarktpolitik war es der Ökonomin Ulrike Mühlberger ein Anliegen einige Differenzierungen einzuziehen. Dass Teilzeit etwa nicht notwendig prekär bedeute, oder dass oft eine genaue Analyse fehlt, "warum es diese Einkommensunterschiede tatsächlich gibt". Mühlberger meinte, dass es ihrer Ansicht nach oft Nachlässigkeit in den Vergleichen der verschiedenen Einkommen gibt: oftmals werden nicht gleiche Personen oder gleiche Charakteristika verglichen (gleiche Bildung, Branche, Position, Beschäftigungsart, Alter), so Mühlberger. Bei einer Berücksichtigung dieser Faktoren reduzieren sich die Einkommensunterschiede auf 15-18 Prozent (Katharina Ebner ist von 22 Prozent ausgegangen), so die Ökonomin.

In Bezug auf die Teilzeitbeschäftigungen zeigte sich Mühlberger vor allem über die verhältnismäßig hohe Teilzeitquote von Akademikerinnen erstaunt: 33 Prozent der Akademikerinnen arbeiten nicht Vollzeit. Die Teilzeitquote bei Frauen insgesamt liegt bei knapp 42 Prozent (im Jahr 2007). Unter Berücksichtigung der hohen Bildungsinvestition ein erstaunlich hoher Anteil, so Mühlberger.
Als einen weiteren Aspekt warf Mühlberger die Tatsache in die Diskussion, dass in Österreich Kinderbetreuung nicht als Bildungsinvestition angesehen wird. Warum sind Schulen kostenlos, Kinderbetreuung aber nicht, fragte sie. Ausreichende und kostenlose Kinderbetreuung würde sowohl Bildungspolitisch relevant sein, als auch die Situation für Frauen auf dem Arbeitsmarkt verbessern, äußerte sich Mühlberger überzeugt.

Tief greifende Rollenklischees

Die Sozialwissenschafterin Marion Breiter ging das Thema etwas grundlegender an. Die bereits von Mühlberger und Csörgits vorgetragenen Probleme für Frauen illustrierte Breiter als Effekte tief greifender Rollenklischees, die sich hartnäckig halten. Breiter wusste etwa von einer Psychologin zu berichten, die einer allein erziehenden Mutter versicherte, dass es besser sei, wenn das eigene Kind nicht merkt, dass die Mutter arbeitet. So etwas zeige, wie sehr sich bestimmte "Mutterbilder" noch immer erfolgreich halten. Maßnahmen gegen solche Rollenklischees betonte Breiter als enorm wichtig für mehr Gleichberechtigung.

Die von Katharina Ebner gestellte Frage nach jenen Frauengruppen, die von der Wirtschaftskrise künftig besonders betroffen sein werden, beantwortete Breiter mit dem Hinweis auf "arbeitsferne Menschen", etwa Frauen mit Behinderungen und Migrantinnen.
Auf Basis einer von Breiter durchgeführten Studie berichtete sie über die häufige Tatsache bei diesen Frauen, "ab dem 20. des Monats nur mehr von Kartoffel leben zu können." Migrantinnen hätten auch mit dem Problem der fehlenden Anerkennung ihrer Qualifikationen und mit dem oftmals vom Ehemann abhängigen Aufenthaltsrecht zu kämpfen, so Breiter.

Als vorbeugende Maßnahmen gegen Frauenarmut hob Breiter Projekte wie beispielsweise "FIT" (Frauen in der Technik) oder "MUT" (Mädchen und Technik) als positiv und sinnvoll hervor. Würde sich der Geldfluss für derartige Initiativen aber nicht deutlich erhöhen, die derzeitig finanzielle Unterstützung sieht Breiter als "homöopathische Dosen", werden auch diverse Förderungsprogramme keinen Umschwung erreichen.

Auf die von Mühlberger monierte fehlende Differenzierung zwischen verschiedenen Branchen, Alter und Beschäftigungsarten bei der Gegenüberstellung der Gehälter antwortete Breiter mit einer an der WU durchgeführten Zwillingsstudie, die die Karrieren von AbsolventInnen aus den gleichen Fachrichtungen, mit ähnlichem Temperament, gleichen Bildungs- und Berufsambitionen, ähnlichen Noten usw. zehn Jahre nach Studienabschluss verglich. Die Studie kam zu dem Schluss: Für die dennoch schlechteren Einkommen bzw. Positionen bei Frauen gibt es keine andere Erklärung als schlicht und einfach Diskriminierung.

Dass es so "viel armutsgefährdete Frauen gibt - der Prozentsatz der betroffenen Frauen ist hier um einiges höher als bei Männern - liegt einerseits an den bereits erwähnten Problemen am Arbeitsmarkt, ebenso aber auch in der Wirtschaftpolitik der letzten Jahre". Breiter sieht darin Begründung genug für "handfeste Maßnahmen wie Quoten".

Als mögliche Verbesserungen für Frauen am Arbeitsmarkt schlug Breiter eine Änderung der Steuerpolitik vor, z.B. eine Einführung einer Finanztransaktionssteuer, womit Ressourcen für eine effizientere Frauenpolitik gesichert werden könnten. Breiter betonte ebenso eine fairere Umverteilung der unentgeltlichen Arbeit, die sie mit einer generellen Arbeitszeitverkürzung ermöglicht sieht.

Um die Debatte doch noch stärker auf die Wirtschaftskrise und mögliche Auswirkungen auf Frauen zu lenken, unterstrich Breiter die nach ihrer Ansicht nach nun bestehende Chance, stärker auf einen Paradigmenwechsel zu bestehen. Die "bisherigen Gewinne sind nicht investiert worden", sondern seien vielmehr verspekuliert worden, zudem ist die Lohnquote gesunken. Dies seien Umstände, die den Fokus stärker darauf richten können, dass dies alles eine neoliberale Politik forciert hätte, gegen die nun vehementer aufgetreten werden müsse, so die Sozialwissenschafterin. (beaha, dieStandard.at, 13.1.2009)

Info:

Lesen Sie nächste Woche die Diskussionsbeiträge von Erna Dittelbach, feminist-attac und
Adelheid Fürntrath-Moretti, Bundesvorsitzende Frauen in der Wirtschaft.

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    Welche Frauen von der Wirtschaftskrise besonders betroffen sein könnten wurde unter anderem im Wiener Depot diskutiert.

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