Land Niederösterreich gibt Greifvögel zum Abschuss frei

13. Jänner 2009, 16:11
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Laut neuer Greifvogelverordnung sollen 250 Tiere erlegt werden - Naturschützer über Maßnahme empört: Verstoß gegen EU-Recht

Wien - Im vergangenen Dezember hat die niederösterreichische Landesregierung eine neue Beutegreiferverordnung verabschiedet, die "einen beispiellosen jagdlichen Eingriff in die heimische Vogelwelt ermöglicht", wie Naturschützer kritisieren: Die Verordnung erlaubt nämlich den Abschuss von insgesamt 250 Greifvögeln.

Bis zum 31. Jänner ist es demnach niederösterreichischen Jägern erlaubt, 200 Mäusebussarde (Buteo buteo) und 50 Habichte (Accipiter gentilis) zu erlegen; offiziell heißt es, die Verordnung diene dazu gefährdete Arten, die angeblich auf dem Speisezettel der Greifvögel stehen, zu schützen.

Gegen EU-Recht

Die Maßnahme stellt bereits den zweiten Versuch dar, in Niederösterreich die EU-Vogelschutzrichtlinie zu umgehen, um die Jagd auf Greifvögel zu ermöglichen. Der erste Anlauf hatte ein Vertragsverletzungsverfahren gegen die Republik Österreich zur Folge. Auch die nun vorliegende Neuverordnung verstößt laut WWF und BirdLife Österreich unzweifelhaft gegen EU-Recht.

"Unter dem Deckmantel des Naturschutzes wird hier offenbar alten Feindbildern, den Greifvögeln, das Halali geblasen", meint Bernhard Kohler vom WWF. Wegen dieses mittelalterlichen Jagdverständnisses seien in der Vergangenheit zahlreiche Tierarten wie Seeadler, Kaiseradler, Braunbär oder Luchs als vermeintliche Nahrungskonkurrenten des Menschen ausgerottet worden. Die Naturschützer fordern Landesrat Plank zur sofortigen Rücknahme der Beutegreiferverordnung auf.

Bedrohung für Smaragdeidechse und Co?

Im Text der Verordnung heißt es, die Raubvögel würden eine Bedrohung für gefährdete Arten wie Brachpieper, Smaragdeidechse oder Springfrosch darstellen. Laut WWF und BirdLife Österreich verschwinden diese Arten allerdings nicht durch Greifvögel, sondern durch die rasant fortschreitende Zerstörung ihres Lebensraumes. Mäusebussarde fressen vorwiegend Mäuse und Aas, der Habicht erbeutet vor allem Vögel bis zu einer Größe von Krähen, Eichelhäher und Ringeltauben.

Bei keiner der 26 Arten, die in der Verordnung aufgezählt sind, sei eine Bedrohung durch Mäusebussard und Habicht wissenschaftlich nachgewiesen. Bei 16 Arten davon fehle sogar der Nachweis, dass sie überhaupt von den beiden Greifvögeln gefressen werden. "Wir können der absurden Argumentation 'Schutz durch Abschießen' absolut nichts abgewinnen. In Wahrheit geht es in der Verordnung wohl um jagdliche Interessen, indem man sich in den Niederwildrevieren mehr Fasane und Hasen verspricht. Habicht und Mäusebussard halten hier als Sündenböcke für Lebensraumverluste her!" meint Gábor Wichmann von BirdLife Österreich.

Rückschlag für Naturschutzbemühungen

Die Greifvogelverordnung torpediere zudem langjährige Naturschutzbemühungen für die Rückkehr ehemals ausgerotteter Arten nach Österreich. So brüten im Osten unseres Landes fünf bis sieben Paare des majestätischen Seeadlers. Auch dem sehr seltenen Kaiseradler ist in den letzten Jahren in Niederösterreich mit zwei Brutpaaren ein Comeback gelungen. Mit der vorliegenden Verordnung öffne das Land Niederösterreich allerdings Tür und Tor für "irrtümliche" Abschüsse dieser bedrohten Greifvögel, da Verwechslungen beim Abschuss vorprogrammiert sind. (red)

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    Die niederösterreichische Jägerschaft soll die Greifvögel (im Bild ein Mäusebussard) aufs Korn nehmen: Eine neue Verordnung gibt 250 Tiere zum Abschuss frei, Naturschützer laufen dagegen Sturm.

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