Senioren schlucken zu viele Medikamente

13. Jänner 2009, 12:52
14 Postings

Arzneimittelkontrollen in Apotheken werden seit Jahren propagiert - Die Realisierung des Arzneimittelsicherheitsgurts steht derzeit noch in der Warteschleife

Salzburg/Wien - Senioren mit internen Erkrankungen erhalten häufig zu viele und auch falsche Arzneimittel. Doppelverschreibungen und Fehldosierungen sind an der Tagesordnung. Das hat eine Studie von Salzburger Universitätsmedizinern und Krankenhausapothekern ergeben, die jetzt in der Wiener Klinischen Wochenschrift veröffentlicht wurde.

Polypharmakotherapie

Konkret wurde bei 543 Patienten nach ihrer stationären Aufnahme in einem Spital überprüft, welche Arzneimittel zu Hause eingenommen wurden. Untersucht wurde auf "Polypharmakotherapie", also die Einnahme von mehr als sechs Arzneimittel. Das Ergebnis: Mehr als die Hälfte der über 70-jährigen schluckte regelmäßig mehr als sechs Medikamente täglich. Darunter waren zum Teil verzichtbare Substanzen. Fehldosierungen fanden sich bei 23,4 Prozent, 7,6 Prozent der Patienten hatten doppelt verordnete Medikamente auf ihrer Liste.

Bei der unnötigen Arzneimitteleinnahme stachen Substanzen wie die Pentoxiphylline (Durchblutung), Ginkgo biloba und Allopurinol (Gicht) besonders hervor. Häufig verordnet, obwohl ungeeignet für Senioren, wurden Beruhigungsmittel (Benzodiazepine) und Amitriptylin (Antidepressivum).

Arzneimittelsicherheitsgurt

Die Studie trifft zeitgleich auf eine aktuelle Diskussion: Die österreichische Apothekerschaft propagiert seit Jahren den elektronischen "Arzneimittelsicherheitsgurt", bei dem auf freiwilliger Basis Patienten in den Apotheken ihren Arzneimittelkonsum kontrollieren lassen können. Die Einbindung der Ärzte ist ebenfalls geplant. Ein Pilotversuch im Bundesland Salzburg umfasste bereits die Daten von rund 9.000 Personen. Neben über 4000 Doppelmedikamenten, wurden in fast 15.000 Fällen mögliche Wechselwirkungen aufgedeckt.

Bei der Österreichischen Apothekerkammer wird der Sicherheitsaspekt eines solchen Systems immer wieder betont. Im neuen Regierungsübereinkommen ist die Realisierung des "Arzneimittelsicherheitsgurts" zwar verankert, aus Kostengründen kam es allerdings bisher zu keiner Ausweitung des Salzburger Projekts.

Erst vor kurzem ist im angesehenen US-Medizinfachblatt "Journal of the American Medical Association" eine Studie der Universität von Chicago erschienen, die ebenfalls häufigen gefährlichen Mix-Konsum von Arzneimitteln bei alten Menschen feststellte. Für die Untersuchung unter der Leitung von Stacy Tessler Lindau wurde bei 3.500 US-Bürgern in der Altersgruppe von 57 bis 85 Jahren der Medikamentenkonsum erfasst. Bei jeder 25. Testperson wurde eine Kombination von Präparaten festgestellt, die zu schweren Komplikationen führen kann.

Eine andere aktuelle Studie hat gezeigt, dass sich in den USA jedes Jahr rund 175.000 Patienten über 65 Jahren wegen gefährlicher Auswirkungen von Mehrfach-Medikationen in die Notaufnahme von Krankenhäusern begeben.

Weniger Medikamente, mehr Verschreibungsqualität

Die Salzburger Studie zeigt, dass Österreich hier im internationalen Vergleich mithält. Polypharmakotherapie, unangemessene Verschreibungen und unerwünschte Arzneimittelwirkungen sind bei älteren internistischen Patienten vergleichbar häufig wie in anderen westlichen Industriestaaten. Mehr noch als die Verminderung der Medikamentenanzahl, fordert Jochen Schuler, Internist an der Salzburger Universitätsklinik für Kardiologie und Intensivmedizin und Autor der Salzburger Studie, vordringlich eine bessere Verschreibungsqualität. (APA/red)

  • Ab einer Einnahme von mehr als 6 Medikamenten täglich sprechen Mediziner von einer Polypharmakotherapie
    foto: photodisc

    Ab einer Einnahme von mehr als 6 Medikamenten täglich sprechen Mediziner von einer Polypharmakotherapie

Share if you care.