Dr.iur fährt einen Lada

13. Jänner 2009, 17:02
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Stundenweise als Lektor zu arbeiten reicht aus, um in Nicaragua als "reich" zu gelten. Und auch mit nur 100 Dollar Monatslohn ist man nicht arm

Seit einigen Tagen bin ich nun schon auf Erkundungstour in einem Lada Baujahr 1988. Bei offenem Fenster atmen wir die Abgase der anderen Fahrzeuge ein und jedes Mal wenn ich die Wagentüre zuschlage habe ich Angst, dass sie ganz heraus fällt. Lange tut es Germáns Fortbewegungsmittel nicht mehr, aber im Moment ist ein Neuwagen finanziell nicht drin. Germán schmunzelt als er sagt, dass es ihm ein wenig unangenehm ist, wenn er an der Uni seine Rostlaube neben dem neuen Auto eines Studenten parkt.


Lektor Germán Orozco vor der Fakultät für Rechtswissenschaften in Managua. Foto: Katja Fleischmann

Vor zwei Jahren ist mein Freund aus Spanien nach Nicaragua zurückgekehrt. Als Doktor der Rechtswissenschaften. Im ganzen Land gibt es außer ihm nur einen weiteren Doktor für Zivilrecht. Gebracht hat ihm das bis jetzt nicht viel. Germán arbeitet als Lektor an der UCA (Universidad de Centroamerica), eine fixe Anstellung hat er nicht, er wird stundenweise entlohnt. Und einen Job außerhalb der Uni hat er bis jetzt auch nicht gefunden. Fast scheint es, als würde ihm der erworbene Titel die Türen verschließen, statt sie zu öffnen. Auf Bewerbungsschreiben bekommt er nicht einmal eine Absage und selbst an der Uni scheint niemand seine Studienjahre im fernen Europa zu würdigen. Seine Vorgesetzten sind schlechter ausgebildet als er und haben kein besonderes Interesse, sein Vorankommen zu fördern.

Schulbus statt mit Chauffeur

Also fährt der Dr.iur weiterhin in seinem Lada durch Managua und hat jede Menge Zeit um mir die Stadt zu zeigen. Er hat schließlich fast zwei Monate Ferien. Ohne Einkommen. "Im Moment habe ich zwar kein Geld, aber Zeit. Und die versuche ich, so gut wie möglich zu genießen. Irgendwann wird es anders sein", sagt Germán und lacht. Seine positive Art ist ansteckend. Germán ist 37, allein stehend und wohnt wieder bei der Mutter. Ich denke Germán ist einer jener Menschen, diedas Leben gelehrt hat, auch mit wenig zufrieden zu sein. Während des Krieges gegen Somoza lebte er mit seiner Mutter und drei Geschwistern für vier Jahre im Exil in Costa Rica. Sein Vater kämpfte als Guerillero auf Seiten der Sandinisten und machte später Karriere in der Politik.

Die Familie war gut situiert, die Kinder genossen eine gute Schulausbildung. Dann lässt sich sein Vater scheiden und heiratet eine andere Frau, die drei Kinder in die neue Ehe mitbringt. Und während Germán und seine Geschwister im rostigen Bus zur Schule bzw. Universität fahren - ungewöhnlich für Kinder aus der Mittelschicht - werden die neuen Kinder des Vaters bis zur Eingangstüre chauffiert. Doch Vaters Glück wehrte nicht für immer, er verlor seinen Posten in der Regierung, seine Geschäfte gingen schief und vom vielen Geld ist nichts mehr über. Heute ist Germáns Vater ein armer, kranker Mann. Seine Stiefkinder scheren sich nicht mehr um ihn, es sind seine leiblichen Kinder, die ab und zu nach ihm schauen und helfen wo sie können. Und das, obwohl ihr Vater sie vor vielen Jahren im Stich ließ und weder finanziell noch emotional unterstützt hat.

>>> Enttäuschte Ideale und Armut, die keine ist


Mit siebzehn Jahren leistete Germán freiwillig seinen Militärdienst im Kriegsgebiet ab. Seine Familie hätte es ihm leicht richten können, doch Germáns Ideale waren stärker. Nicht einmal der Nichttauglichkeitsbescheid konnte ihn stoppen. Er wollte die Sandinisten im Kampf gegen die "Kontras" unterstützen, für seine Ziele kämpfen und rückte im Norden des Landes ein. Er war der einzige Soldat mit Schulabschluss, alle anderen kamen aus armen Familien. Acht Monate dauerte sein Einsatz, dann war der Krieg zu Ende. Blutige Schlachten blieben ihm erspart, der Krieg hat ihn trotzdem geprägt.


Bilder aus dem Familienalbum: Doña Martha besucht im Jahr 1989 ihre Sohn während seines Militäreinsatzes. Foto: privat

Zu Hause sehen wir uns einen Dokumentarfilm über die Revolution der Sandinisten an und am Ende laufen ihm die Tränen übers Gesicht. Er hat für den Sandinismus gekämpft und gehofft. Heute - vor allem nach den manipulierten Wahlen - sieht er dieses Projekt als gescheitert. Doch resignieren ist seine Sache nicht. Und war es nie. In Spanien hat er monatelang auf Kartoffelfeldern gschuftet, um sein Doktorratsstudium zu finanzieren. Und wenn er keine Geldsorgen hatte, arbeitete er als Freiwilliger beim Roten Kreuz. Germán möchte in Nicaragua bleiben, doch "wenn sich mir in meinem Land die Türen nicht öffnen, werde ich es anderswo versuchen. Ich bin ein Chamäleon, ich passe mich überall schnell an."

100 Dollar im Monat

Germáns momentane Lage scheint nicht besonders rosig, doch Armut sieht in einem Land wie Nicaragua anders aus. Für 100 Dollar im Monat arbeitet Adela im Haushalt der Familie fon Germán und ist für Kochen, Putzen, Waschen und Bügeln zuständig - an sechs Tage in der Woche. Adela ist so alt wie ich, verheiratet und Mutter von drei kleinen Kindern. Sie lebt etwas außerhalb der Stadt und steht jeden Tag um fünf Uhr früh auf, um mit dem Bus zur Arbeit zu fahren. Das Haus, in dem sie mit ihrer Familie lebt, hat keinen festen Boden und zurzeit lässt der Besitzer sie kostenlos darin wohnen.

Seit kurz vor Weihnachten ist Adela Alleinverdienerin, ihr Mann hat seinen Knochenjob in einer Fabrik nach langem hin und her gekündigt, da er sich vom Arbeitgeber ausgebeutet fühlt. Nun hoffen alle, dass er bald eine neue Beschäftigung findet. Von 100 Dollar im Monat kann die fünfköpfige Familie nicht lange leben. Dabei zahlt Germán mehr als andere Arbeitgeber und hat Adelas Lohn erst vor kurzem erhöht.

Was ist Armut?

Adela und ihr Mann gehören zu jener großen Mehrheit in Nicaragua, die hart arbeiten muss um halbwegs über die Runden zu kommen. Luxus kennen sie nicht und finanzielle Rücklagen besitzen sie keine. Jetzt, da ihr Mann keinen Job mehr hat, ist die Familie akut von Armut bedroht. Doch Armut in Nicaragua kennt keine Grenzen sondern bloß Abstufungen. Menschen, die in "zusammengeflickten" Hütten aus Wellblech leben stellen noch nicht das untere Ende der Skala dar. Es gibt Menschen, die unter Kartons hausen und andere die sprichwörtlich unter freiem Himmel schlafen.

Armut ist relativ. Wäre Germán in Österreich arm? Für den Großteil der nicaraguanischen Bevölkerung ist er jedenfalls reich. Und selbst der Reichtum kennt hier keine Grenzen. (Katja Fleischmann)

  • Vor dem Theater Rubén Dario: Ein Mädchen passt für ein paar Münzen auf den alten Lada auf.
    foto: katja fleischmann

    Vor dem Theater Rubén Dario: Ein Mädchen passt für ein paar Münzen auf den alten Lada auf.

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