Hamas gespalten über Waffenruhe

12. Jänner 2009, 19:19
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Die radikalislamische Gruppe scheint zu einer Waffenruhe bereit - anders als ihre Exilvertretung in Syrien

Der auf die Dauer unerträgliche Druck auf die Hamas-Führung im Gazastreifen macht es immer wahrscheinlicher, dass eine Waffenruhe zustande kommt. Zugleich ist der Abschluss einer Vereinbarung aber schwierig, weil die verschiedenen Flügel der radikalislamischen Gruppe nicht in dieselbe Richtung ziehen und auch kaum noch kommunizieren können.
Am Sonntag hatten die ungeduldig werdenden Ägypter den Hamas-Vertretern 48 Stunden Zeit gegeben, um zur „Außen-Hamas" nach Damaskus zu fliegen und endlich eine konkrete Antwort auf den ägyptischen Waffenstillstandsplan nach Kairo zurückzubringen. Die Botschaften müssen offenbar mündlich überbracht werden, weil die Verbindungen zur „Innen-Hamas" in Gaza nicht mehr funktionieren oder nicht sicher genug sind.

Die Hamas-Politiker im Gazastreifen sollen bei Beginn der israelischen Offensive ihre Handys „weggeworfen" haben, weil Kandidaten für „gezielte Tötungen" aus der Luft gewöhnlich über Mobiltelefone geortet werden. Hamas-Premier Ismail Haniyeh war nicht mehr zu sehen, seit er zum Jahreswechsel in einer TV-Ansprache den „nahen Sieg" ankündigte, der frühere Außenminister Mahmud a-Sahar verbreitete Durchhalteparolen nur auf Video. Der israelische Geheimdienst vermutet, dass sich viele Hamas-Führer in einem Bunker unter dem großen Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt verstecken.

Angesichts der israelischen Fliegerbomben und Panzergranaten soll die Gaza-Hamas jetzt intern für eine Waffenruhe ohne Vorbedingungen plädieren, während Khaled Maschal, der mächtige Chef des Politbüros, im fernen Damaskus vom Leiden seiner Landsleute abgehoben ist. Er hält offenbar an jenen Forderungen fest, die die Hamas schon zu Beginn der Krise genannt hatte: Die Raketensalven auf Israel würden erst gestoppt, wenn Israel das Feuer einstellt, die Truppen zurückzieht und die Übergänge öffnet. Von einer internationalen Überwachung, die den Waffenschmuggel der Hamas unterbinden soll, wollte Maschal nichts wissen.
Die Israelis glauben umgekehrt, mit jedem Tag, an dem der militärische Druck auf die Hamas aufrechterhalten wird, bessere Voraussetzungen für einen stabilen Waffenstillstand zu schaffen.
Ein dritter Faktor neben den politischen Führungen in Gaza und in Damaskus ist der militärische Arm „Ezzedin el-Kassam", der wegen der Kommunikationsprobleme ziemlich selbstständig agiert und offensichtlich noch kampfwillig ist, aber anscheinend täglich einige Dutzend Männer verliert.
Das Raketenfeuer auf israelische Städte ist in den letzten Tagen deutlich schwächer geworden. Der israelischen Tageszeitung Ha'aretz zufolge haben die Hamas-Kommandos wegen der dichten Überwachung aus der Luft jetzt nur noch 90 Sekunden Zeit, um eine Rakete abzuschießen und in ein nahes Versteck zu eilen, „oft neben Schulen oder Moscheen". (Ben Segenreich aus Tel Aviv, DER STANDARD, Printausgabe, 13.1.2009)

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    Kämpfe am Boden, Bombardements aus der Luft: Mehr als 900 Palästinenser sollen mittlerweile nach Angaben von Ärzten in Gaza-Stadt umgekommen sein.

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