Schämen für die kalte Wohnung

12. Jänner 2009, 18:12
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Viele informieren sich über alternative Heizmethoden - 313.000 Österreicher können sich das Heizen bereits nicht leisten

Wien - "Wir lassen uns über Energiesparlampen beraten, weil wir überlegen, in unserem Zweitwohnsitz die Beleuchtung auszutauschen." Margarete und Karl Cochlar stehen Montagnachmittag im Wien-Energie-Haus vor einem runden, drehbaren Lampenregal. Ein paar Meter weiter liest Pensionist Karl Buchegger in einer Broschüre. Er wollte sich "nur mal im Haus umsehen". Drei Personen sind zum Gratis-Internetsurfen hereingeschneit. Ein Ehepaar informiert sich über Wärmepumpen, weil es in eine damit ausgestattete Wohnung übersiedeln will.
Kunden, die wegen des Gasstopps aus Russland oder steigender Heizkosten verunsichert sind, sucht man vergebens - obwohl laut Beratern auch solche immer wieder hereinkommen. Doch jene, die fürchten, ihre Rechnungen bald nicht mehr zahlen zu können, betreten nur in Ausnahmefällen das Wien-Energie-Haus. "Die Beratungen sind eher mittelschichtorientiert. Es besteht eine hohe Hemmschwelle, dorthin zu gehen", sagt Martin Schenk von der Armutskonferenz Österreich. Schenk schlägt daher vor, über Sozialberatungsstellen Energie-Checks anzubieten. Andreas Hudecek, stellvertretender Leiter des Wien-Energie-Hauses, hat Ähnliches beobachtet: "Als wir vor mehreren Jahren einen Heizungs-Check angeboten haben, sind die meisten Anfragen aus dem 13. und 19. Bezirk gekommen", erzählt er. "Ich habe das Gefühl, die Oberschicht traut sich eher zu, Energie zu sparen."

Dabei sind hunderttausende Menschen in Österreich dazu gezwungen, sich beim Heizen in ihren vier Wänden einzuschränken. 313.000 Menschen können sich laut Statistik Austria in Österreich das Warmhalten ihrer Wohnung nicht leisten. Davon sind 83.000 Kinder betroffen. "Viele drehen die Heizung einfach ab, wenn sie wenig Geld haben", erläutert Schenk. "Ich war schon oft in Wohnungen, wo Familien mit Pullovern und Stiefeln gesessen sind." Besser sei immer noch, wenigstens einen Raum warm zu halten.

40 Prozent für Miete und Energie

Menschen, die an der Armutsgrenze leben, geben laut Schenk rund 40 Prozent ihres Einkommens für Miete und Energie aus. Schenk fordert eine Energie-Grundsicherung, im Rahmen derer ein Minimum an Wärmekosten übernommen werden soll. Außerdem sollten Zuschüsse zum Heizen besser geregelt werden, meint er. "Aber wenn Strom oder Gas abgedreht werden, dann geht natürlich gar nichts mehr - und unsere Erfahrung ist: Abgedreht wird sehr schnell einmal, aufgedreht wird wieder viel langsamer." Außerdem seien dann Aufsperrgebühren zu zahlen, die Bedürftige noch mehr in die Armutsfalle brächten.

Derartige soziale Härtefälle beschäftigen Franz Kuchar von der Umweltberatung Wien bei seiner Arbeit nicht. Für den Energieberater war nach der Weihnachtspause aber "eindeutig mehr los als im Vorjahr". "Ich hatte zum Beispiel die Anfrage einer Frau, die wegen des Gasstreits wissen wollte, was für Alternativen sie statt ihrer Gasetagenheizung hat", erzählt Kuchar dem _Standard. Eine Möglichkeit sei in diesem Fall die Anschaffung eines Festbrennstoffofens. "Die Öfen, die man in den Baumärkten bekommt, sind aufgrund ihrer Feinstaubbelastung aber nicht ideal", sagt der Energieberater. Ein guter Kachelofen oder eine Pelletheizung seien besser.

"Schicken keine Brieftauben"

Eine alternative Heizmöglickeit hätte auch Marie S. vergangenen Sonntag gerne gehabt, als sie nach zwei Wochen in Kärnten in ihre Wiener Wohnung zurückkehrte und an der Eingangstüre eine Nachricht fand, dass ihr das Gas abgedreht wurde. Es stellte sich heraus, dass ihr Gaszähler ausgetauscht werden hätte sollen. Über den Termin war S. aber "nie informiert worden".
Als ihr Vater gegen_Mittag bei Wien Gas nachfragte, wie das passieren konnte, bekam er zur Antwort: "Wir schicken doch keine Brieftauben nach Klagenfurt". Bis 22 Uhr werde jemand vorbeikommen. Nach Protest bei der "freundlichen Dame der Servicestelle" konnte das Problem dann doch binnen kurzer Zeit gelöst werden. Wien-Energie-Sprecher Christian Ammer kann sich nicht erklären, warum S. keine Nachricht über einen Termin zum Zähleraustausch erhalten hat. Für den Umgangston des Gaswerk-Mitarbeiters entschuldigte er sich. (Gudrun Springer/DER STANDARD-Printausgabe, 13.1.2009)

  • Margarete und Karl Cochlar haben trotz Kältewelle keine Probleme mit den Heizkosten. Sie informierten sich am Montag im Wien-Energie-Haus über Energiesparlampen für ihren Zweitwohnsitz.
    foto: cremer

    Margarete und Karl Cochlar haben trotz Kältewelle keine Probleme mit den Heizkosten. Sie informierten sich am Montag im Wien-Energie-Haus über Energiesparlampen für ihren Zweitwohnsitz.

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