"Ilias" mit hohem Spaßfaktor

12. Jänner 2009, 17:52
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Am Berliner Ensemble wurde am Sonntag acht Stunden lang aus der von Raoul Schrott übersetzten "Ilias" gelesen - Am Wochenende in Wien

Am kommenden Wochenende verwandelt sich das Wiener Burgtheater in ein griechisches Festgelände.

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Mit einem riesigen Heer lagen die Griechen vor Troja. War wirklich auch ein "Saufkopf" darunter, und ein "Etappenhengst"? Der Dichter Raoul Schrott ist davon überzeugt, dass die alte Geschichte von Homer einer neuen deutschen Erschließung bedarf; da kommen dann eben solche Wörter vor, die so gar nicht zu dem hehren Ton passen, in den die Ilias und die Odyssee bisher meistens übertragen wurden. Am Sonntag gelangten im Berliner Ensemble acht Gesänge aus der Ilias in Schrotts Übersetzung zum Vortrag. 15 Stunden dauert der Lesemarathon im Wiener Burgtheater am kommenden Wochenende. Aus dem 15.000 Verse umfassenden Schlachtengemälde lesen neben Raoul Schrott Burgstars wie Michael Heltau, Elisabeth Orth und Johanna Wokalek sowie u.a. Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid. Die ganze Burg verwandelt sich in ein griechisches Festgelände, nach antikem Vorbild darf auch im Zuschauerraum konsumiert werden.

Auch in Berlin gab es ein griechisches Buffet; ein geschickter Schachzug, denn Schrott wollte, dass Homer "wieder so ankommt wie damals", also vor bald 3000 Jahren. Dafür bedarf es poetischer Freiheiten, für die er auch Kritik einstecken musste. Schrott ist kein Philologe, sein Umgang mit Altgriechisch ist der eines gebildeten Amateurs. Aber er hat nicht nur das Epos neu eingedeutscht, sondern auch eine provokante Theorie entwickelt.
Der geistige Mittelpunkt Homers sei viel östlicher als bisher angenommen, im anatolischen Kilikien, fast an der syrischen Grenze. Folglich sei der Text, mit dem die antike Geistesgeschichte ganz wesentlich anfängt, in Wahrheit ein altorientalischer und Hellas ein Ort der wilden Kulturmischung. Für seine Behauptung erntete er vorwiegend Widerspruch, auch von Autoritäten wie Joachim Latacz. Andererseits füllt er mit seiner Ilias seit geraumer Zeit die Säle und beschäftigt mit der Kontroverse das Bildungsbürgertum - so auch im bestens besuchten Berliner Ensemble.

Die Lesung ließ erkennen, welchen Fluchtpunkt Schrotts Aktualisierung der Geschichte von der entführten Helena, dem Rachezug der Griechen, der Belagerung Trojas und dem hölzernen Pferd hat: Er entfernt möglichst das Fremde. Die Olympier sind bei ihm fast schon Nachbarn der Familie Leitner.

Den Griechen lässt er kaum etwas von ihrem vermeintlichen Edelmut, bezeichnet sie als "antike Wikinger" auf Beutezug. "Hau ab, wenn du mit heiler Haut davonkommen willst" , das wäre so bei Johann Heinrich Voß, von dem die kanonische deutsche Übersetzung stammt, nicht möglich gewesen. "Typisch, kaum drehe ich dir den Rücken zu, brütest du was aus klammheimlich." Sprechen so Helden miteinander? Gar Götter?

Unbedingt, meint Schrott, wenn wir ihre Rede heute noch interessant finden sollen. Die Ilias von Raoul Schrott soll Spaß machen, ihr Erfolg bemisst sich geradezu an dem Lachen. Bisher war es meist so, dass sich die gebildeten Stände darüber amüsierten, welch seltsame Vorstellungen sich etwa das Hollywood-Kino von Achill und Agamemnon, Odysseus und Paris machten. Nun lacht das Publikum mit dem Vermittler über das zu Vermittelnde.

Die homerischen Epen dürfen nicht fremd bleiben; sie bereiten Vergnügen gerade dadurch, dass sie durch hemdsärmelige Sprache verheutigt werden. Schrotts Übersetzung, das wurde bei der Lesung deutlich, ist eine Verfremdung des Fremden zum Zwecke der dubiosen Vertrautheit. Ganz anders ging es Johann Heinrich Voß, der 1791 mit seiner Odyssee erst einmal durchfiel und klagte: "Aber erst müssen die Deutschen weniger politisch und filosofisch und altklug werden; sonst kommt der kindliche Greis noch immer zu früh."

Mit Raoul Schrott schlägt Homer nun eine neue Stunde. Eine happy hour. (Bert Rebhandl aus Berlin, DER STANDARD/Printausgabe, 13.01.2009)

Hinweis:
Griechisches Fest am Burgtheater: Aus den von Raoul Schrott übersetzten 24 Gesängen der "Ilias" wird am 16. 1. von 18.00-24.00 Uhr und am 17. 1. von 15.00-24.00 Uhr gelesen.

  • Das Trojanische Pferd, wie es Hollywood sah - jedenfalls im  Film "Die schöne Helena"  (1955) von Robert Wise.
    foto: interfoto

    Das Trojanische Pferd, wie es Hollywood sah - jedenfalls im Film "Die schöne Helena" (1955) von Robert Wise.

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