"Raus mit der Religion aus dem Konflikt"

13. Jänner 2009, 11:20
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Die STANDARD-Re­dakteurin und Nahost­expertin Gudrun Harrer beantwortete Fragen

Moderator-Message: Liebe UserInnen. Der Chat mit STANDARD-Redakteurin Gudrun Harrer zum Gazakrieg beginnt um 12 Uhr. Sie können schon jetzt Ihre Fragen schicken.

Moderator: Liebe UserInnen. Der Chat mit STANDARD-Redakteurin Gudrun Harrer zum Gazakrieg beginnt um 12 Uhr. Sie können schon jetzt Ihre Fragen schicken.

ModeratorIn: Wir begrüßen herzlich Gudrun Harrer im Chat zu einem sehr brisanten Thema. Frau Harrer, danke fürs Kommen. Liebe UserInnen, bitte stellen Sie Ihre Fragen.

Gudrun Harrer: Vielen Dank für die Einladung, ich freue mich auf die Fragen.

schiachapolitiker: Liebe Frau Harrer. Wie sehen Sie die Chance, dass es in nächster Zeit zu einer Waffenruhe kommt?

Gudrun Harrer: Die Chancen sind nicht so schlecht. In den vergangenen Tagen haben sich die Bemühungen eine Lösung für das Hauptproblem - wie sichert man die Gaza-Südgrenze - zu finden, intensiviert. Ich will nicht zynisch sein, aber auch die Intensivierung der israelischen Offensive heute könnte ein Zeichen dafür sein, dass es bald vorbei ist.

ModeratorIn: UserInnen-Frage per Mail: Der Weltsicherheitsrat trifft heute zu Beratungen zur Lage im Gazastreifen zusammen. Was könnte dabei herauskommen?

Gudrun Harrer: Aufgrund der Konstellation und des Verhältnisses zwischen der UNO und Israel glaube ich nicht, dass dort getroffene Entscheidungen viel Einfluss auf die Lage haben, was immer bei der Sicherheitsratssitzung heraus kommt.

Vanilleschote: war der sechsmonatige waffenstillstand rückblickend nicht sinnlos bzw. kontraproduktiv? seit dem ende des stillstands hat sich der konflikt ja noch weiter verschärft.

Gudrun Harrer: Natürlich ist es immer besser es wird nicht gekämpft als es wird gekämpft. Aber Sie haben schon Recht, es wurde politisch nichts unternommen die Probleme zu lösen, deshalb war es wohl nur eine Frage der Zeit bis alles zusammen bricht. Gerade das ist ja so frustrierend für den Beobachter.

laola2: Schwächt der israelische Angriff die Hamas, oder stärkt er sie eher?

Gudrun Harrer: Keine Frage, dass die Hamas heute militärisch geschwächt ist. Aber so eine ideologische Bewegung lässt sich eben nicht militärisch besiegen. Dazu müssten politische, soziale und ökonomische Probleme bei den Palästinensern gelöst werden.

ModeratorIn: UserInnen-Frage per Mail: Glauben sie noch an die Möglichkeit einer Zwei-Staaten-Lösung?

Gudrun Harrer: Das ist eine ganz wichtige Frage die uns über den jetzigen Konflikt hinaus beschäftigt. Die Analysten sagen ja schon seit Jahren, dass die Zeit knapp wird. Nun ist nicht anzunehmen, dass Palästinenser Präsident Mahmud Abbas dort wieder anfangen kann wo er Ende Dezember gestanden ist. Abgesehen davon, dass bei den Palästinensern eigentlich Wahlen fällig sind. Lassen Sie es mich so beantworten: Ich sehe keine andere Möglichkeit als eine Zwei-Staaten-Lösung, deshalb muss man sich weiter darum bemühen.

fatzka #1: ich höre recht viel über gaza oder hamas aber recht wenig über das westjordanland und über die fatah - wie ist die position der fatah zu dem konflikt?

Gudrun Harrer: Abbas hat in einer ersten Reaktion die Hamas als Hauptschuldige genannt - das ist übrigens auch etwas, was antiisraelische Demonstranten gerne verschweigen. Andererseits ist natürlich gerade die Fatah mit ihrer Unfähigkeit und Korruption einer der Gründe, dass die Hamas überhaupt die Wahlen gewinnen konnte. Die Fatah teilt mit Israel wohl den Wunsch, dass sich die Hamas in Luft auflöst. Aber das spielt es eben nicht, deshalb ist es wichtig, dass auch innerpalästinensisch ein nachhaltiger politischer Prozess in Gang setzt.

Norbert Rohrbert: Halten Sie es eigentlich für einen Zufall, dass die Gaza-Offensive Israels genau in die Zeit des Machtvakuums in Washington fällt, oder nicht?

Gudrun Harrer: Ja und Nein. Dass gerade jetzt der Waffenstillstand abgelaufen ist, ist bestimmt nicht geplant. Aber ich denke doch, dass Israel diese Offensive lieber vor Beginn der Amtszeit Obamas hinter sich bringt, weil es die israelisch-amerikanischen Beziehungen nicht gleich zu Beginn von Obamas Regierungszeit testen oder belasten will.

schiachapolitiker: Ändert die USA ihre Politik gegenüber Israel?

Gudrun Harrer: Nein, das glaube ich nicht. Ich denke aber, dass Obama auf internationaler Ebene für andere Wege offen ist, eben mehr Diplomatie und Multilateralismus. Er hat ja schon gesagt, dass er prinzipiell mit jedem Land den Dialog sucht.

to mate: Es gab Meldungen, wonach Obama mit der Hamas reden will, die später dementiert wurden. Was würden Sie Obama raten?

Gudrun Harrer: Ich habe es für einen Fehler gehalten, dass man nach ihrem Wahlsieg nicht trotz aller Einwände gegen die Hamas den Dialog mit ihr gesucht hat. Ich verstehe Israel völlig, dass es das selbst aus seiner Position nicht tun will, aber andere hätten es tun sollen. Und wie wir wissen wurden ja dann auch einige Geheimkanäle eröffnet. Es wird bestimmt nicht so sein, dass Obama die Hamas zu einem Gespräch einlädt. Aber wir sollten daran denken, wie die Geschichte der PLO ausgesehen hat. Auch hier hat sich eine Terrororganisation pragmatisiert, und das ist nicht nur, aber auch über die Anerkennung ihrer Vertretung legitimer Anliegen passiert. Ich gehöre zu denjenigen, die glauben, dass das auch bei der Hamas möglich wäre.

peron 5: Was bedeutet der derzeitige Krieg für die Wahlen bei den Palästinensern, und was bedeutet er für die Wahlen bei den Israelis?

Gudrun Harrer: Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Wahlen in unmittelbarer Zukunft stattfinden werden, ich meine natürlich die palästinensischen. Zu den israelischen: Die Offensive ist ganz bestimmt von einer Mehrheit der israelischen Bevölkerung gedeckt, also wird sie Olmert, Livni und Barak nicht schaden.

ModeratorIn: UserInnen-Frage per Mail: Wie wird die Offensive in der israelischen Bevölkerung wahrgenommen?

Gudrun Harrer: Wie schon gesagt, ich denke, dass die meisten hinter ihr stehen. Das ständige Leben mit den Kassam-Raketen an der Südgrenze Israels hat die Leute zermürbt. Sie sind zwar militärisch mit nichts zu vergleichen, was sich jetzt im Gaza-Streifen abspielt, aber Todesangst ist dieselbe ob jetzt eine primitive Rakete oder eine hoch entwickelte auf dich abgeschossen wird. Aber ich möchte doch betonen, dass es auch in Israel einen wirklichen Diskurs über die Gaza-Offensive gibt, vor allem über die humanitären Aspekte, aber auch über deren prinzipielle Sinnhaftigkeit.

SirPhi: Guten Tag, ich wundere mich warum andere Staaten des mittleren Osten nicht rigider hinter den Palestinensern stehen - man hört seit längerem immer weniger "Solidarität" - warum - oder täuscht mich das nur? (Ich versuche zu vermeiden einseitige Beric

Gudrun Harrer: Sie haben völlig Recht. Wie Abbas halten viele in der arabischen Welt die Hamas zumindest für den Auslöser der Krise, wenn sie auch die israelische Antwort für völlig unverhältnismäßig halten. Aber es kommt noch etwas anderes dazu: die seit der Irakinvasion 2003 fortschreitende Spaltung in eine sunnitische und eine schiitische Welt. Es scheint so, dass dieser Konflikt an Wichtigkeit den israelisch-arabischen langsam ablöst. Die Gaza-Krise hat etwa die iranisch-ägyptischen Spannungen massiv verstärkt. Die Schiiten sind die stärksten Anwälte der Palästinenser im Gaza-Streifen, übrigens auch der irakische Premier Maliki. Wobei es absurd ist, dass die sunnitische Hamas eigentlich einer Ideologie entstammt, die sehr schiitenfeindlich ist. Aber die ägyptische Regierung hat natürlich auch andere Gründe für ihre Zurückhaltung: Sie will das ganze Problem einfach nicht von den Israelis zugeschoben bekommen.

laola2: Warum tut sich der Westen so schwer mit Kritik an der israelischen Politik?

Gudrun Harrer: Ich denke, die historischen Gründe liegen auf der Hand. Ohne europäische Politik - und zwar denke ich nicht nur an den Antisemitismus und den Nationalsozialismus, sondern auch an die Kolonialpolitik vorher - gäbe es viele Probleme im Nahen Osten heute nicht.

Karam Al-Ghossein: Laut Humanitärem Völkerrecht sind Kriegshandlungen nur zulässig in den Grenzen der völkerrechtlichen Vereinbarungen der Haager Abkommen, insbesondere der Haager Landkriegsordnung, und der Genfer Abkommen über die Verbesserung des Loses der Verwundet

Gudrun Harrer: Ja, es ist in der Tat schmerzlich festzustellen, dass Menschenrechte nicht überall gleich bemessen werden. Aber vergessen Sie nicht, die UNO und auch die EU sind eine Summe sehr verschiedener Länder, die sich auf eine Stimme einigen müssen. Das ist dann oft der kleinste gemeinsame Nenner.

snowwhite: Was kann man ihrer Meinung nach gegen den vorherrschenden Antisemitismus bei Muslimen - der, wie z.B. eine Standard-Reportage von gestern zeigt, tatsächlich vorhanden ist und nicht einmal versteckt wird, -tun?

Gudrun Harrer: Ob er "vorherrschend" ist, das möcht ich bezweifeln, auch ist nicht jedes antiisraelisches Gefühl Antisemitismus. Jedoch wäre es völlig falsch das Problem zu leugnen - genauso wie die Islamophobie ein Problem des gesamten Westens ist. Der Antisemitismus westlicher Ausprägung ist im Nahen Osten selbst noch nicht sehr alt, aber keine Frage, er wurde teilweise übernommen. Aber dies alles ist nicht in Stein gemeißelt, wie wir ja an der eigenen Geschichte sehen. In Österreich, wo vor 100 Jahren Antisemitismus der übelsten Art sozial akzeptiert war, weiß bis auf ein paar Ewiggestrige jeder, dass Antisemitismus infam, falsch und dumm ist.

WienerMelange: Ist es nicht so, dass die Berichterstattung in Israel gar keine kritischen Stimmen zulässt? Wird die Propaganda der israelische Armee (Stichwort strenge Informationssperre einerseits, YouTube-Kanal andererseits) überhaupt thematisiert?

Gudrun Harrer: Nein, das ist nicht so. Gehen Sie auf die Homepage von der Liberalen Israelischen Tageszeitung Haaretz und Sie werden alle möglichen Stimmen finden und übrigens auch keine kriegsbegeisterten Leitartikel.

El J: Meine Frage dazu: Wieso hört man nichts von Friedensbewegungen unter Palästinensern? Gibt es sie nicht, oder werden sie wegzensiert?

Gudrun Harrer: Es gibt sehr wohl in der Zivilgesellschaft Gruppen, die auch zum Teil intensiv mit israelischen zusammen arbeiten. Selbstkritisch muss man als Journalist auch sagen, dass sie vielleicht nicht genug Raum bekommen.

prosto: Angenommen, Sie hätten 3 _sehr konkrete Wünsche_ zu nachhaltigen Befriedung in Israel/Palästina frei. Was wären diese?

Gudrun Harrer: Gewaltverzicht, mehr noch: Ächtung der Gewalt. Raus mit der Religion aus dem Konflikt. Jeweils der anderen Partei klar machen können, dass die Ängste und die Anliegen der anderen Partei echt und legitim sind.

ModeratorIn: Die Stunde ist leider um, aber ich denke, wir haben spannende und erhellende 60 Minuten hinter uns. Herzlichen Dank und Gudrun Harrer und die UserInnen fürs Diskutieren. Im Forum kann noch weiterdiskutiert werden. Allen noch einen schönen Nachmittag

Gudrun Harrer: Vielen Dank für die viel zu schwierigen Fragen. Ich wünschte ich könnte sie besser beantworten.

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