Physiker Walter Thirring präsentiert Autobiografie

12. Jänner 2009, 12:40
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Der Bogen reicht von persönlichen Begegnungen mit Größen wie Schrödinger und Heisenberg über die Forschung bis hin zum Komponieren

Wien - In seiner Studienzeit habe er bis zum Doktorat "nur eine wissenschaftliche Arbeit" verfasst, schreibt der 81-jährige Theoretische Physiker Walter Thirring in seiner am Montagabend in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) präsentierten Autobiografie. Was sich zunächst recht bescheiden anhört, zeigt schon früh das wissenschaftliche Potenzial des Forschers: Als Student der Physik erschien es ihm "als Ehrenpflicht herauszufinden: Was hat Einstein eigentlich bewiesen, oder hat er nur etwas erraten?"

Persönliche Erinnerungen

Scheu vor großen Namen kannte Thirring offensichtlich nicht: Neben Nobelpreisträger Albert Einstein lernte der gebürtige Wiener persönlich auch andere große Physiker des 20. Jahrhunderts kennen, darunter die Nobelpreisträger Erwin Schrödinger und Werner Heisenberg. Das Buch ist damit nicht nur eine Geschichte über Thirring selbst.

Der Autor präsentiert sehr persönliche Erinnerungen an die Begegnungen und über manch' Eigenheit der bedeutenden Physiker des vorigen Jahrhunderts. So ließ etwa Schrödinger den Sohn des Physikers Hans Thirring während seines Forschungsaufenthalts in Dublin bei sich wohnen - "ohne Gegenleistung gewissermaßen, denn er wollte sich von mir auch nicht bei der Hausarbeit helfen lassen". Nur einmal habe er sich am Samstag auf sein Fahrrad setzen müssen, "um Tabak zu kaufen, so unerträglich war ihm die Idee eines Wochenendes ohne Zigaretten".

Wanderjahre

Vom Dublin Institute for Advanced Studies, das Schrödinger damals leitete, und einem Aufenthalt in Glasgow, wo der weniger bekannte Bruno Touschek am "Zusammenschluss der fundamentalen Kräfte" der Physik arbeitete ("war eher ein Pfadfindertyp und setzte sich nie recht in Szene"), führte es Thirring nach Göttingen zu Werner Heisenberg. Nach Stationen in Bern und Zürich, wo er Nobelpreisträger Wolfgang Pauli begegnete, folgte das Institute for Advanced Study in Princeton (USA). Hier waren Thirring und seine Frau "auch zweimal bei Einstein, Mercer Street 112, zur Jause eingeladen". "Dabei drehten sich die Gespräche hautsächlich um Politik", so Thirring weiter. Natürlich habe er oft mit ihm über Physik diskutiert, schreibt der Autor an anderer Stelle: "Aber an die Quantenfeldtheorie, welche wir Jüngeren betrieben, wollte er nicht glauben."

Den "Wanderjahren" Thirrings folgten mit seiner Forschungstätigkeit in Wien ab 1959 seine "Meisterjahre". Diese setzte er ab 1968 in Genf fort, wo er auch Direktor des europäischen Kernforschungszentrums CERN war. 1971 kehrte der Physiker nach Wien zurück. Von 1976 bis 1978 war er der erste Präsident der International Association of Mathematical Physics (IAMP). Thirring trug maßgeblich dazu bei, dass 1993 das Internationale Erwin Schrödinger-Institut für Mathematische Physik (ESI) in Wien seine Pforten öffnete.

"Für Heide Narnhofer und mich war die Gründung des Schrödinger-Instituts jedoch nur eine Pflichtübung. Unsere Kür ist die mathematische Physik", schreibt der Forscher. Gemeinsam habe man im Laufe der Jahrzehnte die verschiedenen Gebiete bearbeitet. Als eines davon stellt Thirring die C(onnes)N(arnhofer)T(hirring)-Entropie vor - "eine Variante der gewöhnlichen Entropie, die angibt, wie weit die Dynamik ein System immer stärker vermischt".

Physik und Musik

"Ohne Wissenschaftliches" hätte Thirring, geboren am 29. April 1927 in Wien, "eine wesentliche Triebfeder" in seinen Memoiren gefehlt: Doch Exkurse wie etwa zur speziellen Relativitätstheorie, zum Wesen der Materie und der Quantenfeldtheorie hat er in Kästchen verbannt, die "weniger ambitionierte Leserinnen und Leser (...) unbeschadet ignorieren können", wie der Autor im Vorwort schreibt.

Doch neben der Wissenschaft schreibt Thirring auch sehr persönlich über seine Vorfahren und sein Leben, die Schrecken des Krieges und seine Gedanken zur politischen Geschichte. Auch seine Liebe zur Musik ist Thema, Thirring spielt Orgel und Klavier und komponiert. Und so liegt der Neuerscheinung auch eine CD mit seinen Kompositionen bei. (APA)

  • Walter Thirring: "Lust am Forschern - Lebensweg und Begegnungen". Seifert Verlag 2008 , 24,90 Euro
    coverfoto: seifert

    Walter Thirring: "Lust am Forschern - Lebensweg und Begegnungen". Seifert Verlag 2008 , 24,90 Euro

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