Ein Bert im Cornfeld

13. Jänner 2009, 16:55
8 Postings

Heribert Corn degradiert seine Ariel zum Straßenmotorrad. Er nimmt ihr die 14 Knochenbrüche übel, erzählt er Guido Gluschitsch

"Du weißt innerhalb weniger Zehntelsekunden, dass du das jetzt nimmer dareitest. Dann liegst auf der Fresse. Und dann schießt dir durch den Kopf: 'Du stirbst nicht.' Oder du rutscht auf einer Arschbacke, merkst, dass es heiß wird und wechselst auf die andere, während sich vor dir das Motorrad zu überschlagen anfängt."

foto: glu
Die Satteltaschen braucht die Ariel auf der Straße. Darin ist die Batterie verstaut.

Heribert Corn ist einer von Österreichs Top-Presse-Fotografen. Und er würde sofort seine Kamera weglegen und nie wieder ein Motorrad fotografieren, wenn man ihn vor die Wahl stellte, keine Bikes mehr abzulichten, oder nie wieder Oldtimer-Rennen zu fahren. Aber seine Ariel loszulassen, wenn er merkt, dass ein Sturz unvermeidlich ist, fällt ihm schwer. "Da schießt dir durch den Kopf, dass die Gabel unersetzlich ist. Da geht es nicht um Geld – die gibt es eh nicht kaufen. Es ist nur so unendlich mühsam die Trapez-Gabel mit den konischen Verbindungen wieder zu richten, wenn sie erst einmal verbogen ist."

foto: glu
"Grab the Flag" heißen die Rennen, die Corn fährt – oder bei denen er fliegt.

1928 erblicke Corns Ariel das Licht der Welt und am 13. Mai 2006 erlosch wegen ihr beinah jenes des Corn. "Einen Tag vorm Muttertag! Unsere Tochter war gerade sechs Monate alt.", erzählt seine Frau. Corn fuhr mit seiner Ariel am Pannonia-Ring. "Die erste Kurve kannst mit so einem alten Motorrad ja voll nehmen. Die Ariel hat jetzt statt der 13 ganze 32 PS und wiegt 130 Kilo. Das reicht für rund 155 km/h." Was damals genau passierte, weiß Corn nicht mehr. Als er im Kiesbett – „Das müssen wir noch durchsetzen, dass das nun Cornfeld heißt." – zu sich kam, steckte der Motor der Ariel fest und er selbst hatte 14 Knochenbrüche und eine kollabierte Lunge. Ins Krankenhaus wollte er trotzdem nicht – ging aber eh nicht anders.

foto: glu
Die offenen Ventile schmiert Corn jedesmal, wenn er bei einer Ausfahrt eine Pause macht.

"Es geht jetzt nicht anders. Ich nehme an, weil ich die Ursache für den Sturz nicht genau kenne.", erklärt Corn, warum er jetzt 10 Sekunden länger über den Pannonia-Ring braucht als zu seiner besten Zeit. "2007 habe ich ausgesetzt und 2008 wieder probiert. Aber wenn ich 2009 wieder so scheiße fahre, dann hör ich auf – mit dem Rennen fahren."

foto: glu
Zum Anstarten der Ariel in der Garage trennt sich Corn sogar von den Kuhfell-Pantoffeln.

"Ich war immer vorne dabei. Zweiter, Dritter, Vierter, Fünfter. Ich war nie Erster. Gegen die Norton Manx oder die BMW mit rund 50 PS hab ich mit der Ariel keine Chance." Und das, obwohl Corn in 2:38 Minuten über den Pannonia-Ring fliegt. Mit einem Motorrad aus 1928! „Gut, so kannst es nicht sehen. Weil an der Ariel ist ja fast nichts mehr original. Um 100.000 Schilling hab ich sie schon rennfertig gekauft und sicher 100.000 Schilling hab ich noch einmal rein gesteckt. Nur Rahmen, Motorgehäuse, Zylinderkopf, Tank, Gabel und Räder sind Ariel. Der Zylinder ist selbstgemacht und aus Alu.

foto: glu
Die offenen Ventile sind es, die es dem Corn angetan haben.

Pleuel und Kurbelwelle haben auch nichts mit einer Ariel zu tun. Die Ventile sind viel größer als die ursprünglichen. Der Vergasereinlass hatte ursprünglich 19 Millimeter, jetzt sind es 36. Und das Getriebe ist ein modernes aus den 40er-Jahren." Das Fahrwerk sei mit der Leistung nicht überfordert, sagt Corn. "Die liegt wie ein Brett.". Und den Unterschied zu einem aktuellen Fahrwerk kann Corn deswegen nicht in Worte fassen, weil er ihn nicht kennt. Corn fährt nur alte Motorräder und weiß nicht, wie sich aktuelle Fahrwerke anfühlen. „Eine 250er GP-Maschine würde mich reizen." Das liege an der Kubatur, erklärt er, weil Zweitakter mag Corn eigentlich nicht. Nur Viertakt-Einzylinder reizen ihn. "Die klingen so sexy."

foto: glu
Corn wechselt die Motoren wie andere die Unterhosen.

Für seine sexy klingende Ariel 500 OHV entschied sich Corn, weil er unbedingt ein Motorrad mit freien Ventilen haben wollte. Ursprünglich war er ganz auf BSA. Er sah als Junge eine BSA-Gang vorüberfahren und beschloss, dass er auch einmal so ein britisches Motorrad fahren wird. Engländerinnen fährt Corn also deswegen, "weil es nichts anderes gibt."

foto: glu
Rechts ein Kolben, der sich an einem abgerissenen und in den Brennraum gefallenen Ventildeckel verschluckt hat.

Auf der Rennstrecke fährt Corn, weil er auf der öffentlichen Straße stets zu flott unterwegs war. „Am Ring kann ich mich austoben, hab ordentliche Sturzräume und es kann nix passieren." Corn stutzt kurz, lacht laut los und wendet sich seiner Norton zu. "Die richte ich mir jetzt für die Rennstrecke her. Mit der Ariel geht nichts mehr. Da steckt der Sturz zu tief." Seine Motorräder originalgetreu aufzubauen interessiert Corn nicht. "Ich nenne die Gleichmäßigkeitsrennen ja gerne Gleichgültigkeitsrennen. Nein, die interessieren mich nicht. Die fahre ich erst, wenn ich auf der Rennstrecke gar nichts mehr zusammen bringe." Seine Frau schaut ihn verwundert an. Corn lacht. "Es sagt ja niemand, dass man Gleichgültigkeitsrennen nicht auch mit Vollgas fahren kann." (Text + Fotos: Guido Gluschitsch)

  • Die Kuhfell-Pantoffel von Heribert Corn sind genauso außergewöhnlich wie die Tatsache, dass er Rennen mit einer Ariel aus 1928 fährt.
 
    foto: glu

    Die Kuhfell-Pantoffel von Heribert Corn sind genauso außergewöhnlich wie die Tatsache, dass er Rennen mit einer Ariel aus 1928 fährt.

     

  • Artikelbild
    foto: glu
Share if you care.