Nahostkonflikt erreicht die Banlieues

15. Jänner 2009, 10:20
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Krieg im Gazastreifen führt zu Spannungen zwischen Juden und Muslimen - Vertreter beider Religionen wollen gemeinsam dagegen vorgehen

Rund vier Millionen Muslime und 600.000 Juden leben in Frankreich - mehr als in anderen Ländern Europas. Entsprechend groß ist die Angst vor einem Übergreifen des Nahostkonflikts auf die französischen Vorstädte. Allein seit dem Wochenende wurden gegen zwei Synagogen in Saint-Denis (Region Paris) sowie im Elsass Brandsätze geworfen; sie richteten nur geringen Schaden an, doch besteht kein Zweifel über den Zusammenhang mit dem Krieg im Gazastreifen. An Mittelschulen im Burgund und in der Auvergne wurden am Montag Graffitis wie etwa "Tod den Juden" oder "Freiheit für Gaza" entdeckt.

Das nationale Büro für Wachsamkeit gegen Antisemitismus (BNVA) zählte bisher dreißig solcher "feindlicher Akte". "Was wir befürchteten, ist eingetroffen" , meint BNVA-Präsident Sammy Ghozlan. Staatschef Nicolas Sarkozy verurteilte die "unzulässigen" Akte und beauftragte 240 zusätzliche Polizisten mit der Überwachung jüdischer Kultstätten.

Innenministerin Michèle Alliot-Marie sieht allerdings auch eine Zunahme von Gewaltakten gegen Muslime. In einem Pariser Lycée wurden zwei Schüler tunesischer Herkunft von einer Gruppe jüdischer Aktivisten zusammengeschlagen - offenbar, weil sie die verteilten Flugblätter der "jüdischen Verteidigungsliga" demonstrativ fortwarfen. Die französische Staatsanwaltschaft ermittelt in dem Fall.

SMS-Alarmketten

Diese Vorfälle geben nur ungenügend Aufschluss, wie angespannt die Stimmung unter französischen Juden und Moslems ist. Am Samstag demonstrierten mehr als 100.000 Kriegsgegner in den Straßen von Paris und vielen Provinzstädten, wobei es auch zu Krawallen kam. Viele Juden hatten sich mit SMS-Alarmketten gegen allfällige Angriffe auf ein nahes Wohnquartier gewappnet; in "heißen" Banlieue-Orten wie Villiers-le-Bel erhielten jüdische Schüler nach Pöbeleien Anweisung, nicht mehr mit der Kippa in den Unterricht zu gehen.

Jüdische Verbände unterstellen namentlich der Kommunistischen Partei, die bei der Demo von Samstag mitmachte und mehrere Pariser Vorstädte regiert, sie gieße Öl ins Feuer. Die gemäßigt islamistische Organisation UOIF und der jüdische Dachrat CRIF machen sich gegenseitig ähnliche Vorhaltungen.

Seit dem Wochenende hat nun aber zumindest an der Spitze der beiden Glaubensgemeinschaften ein Umdenken eingesetzt. In Lyon, Paris und anderen Städten organisieren jüdische und muslimische Würdenträger gemeinsame Diskussionsabende oder Quartiertreffen, um die Spannungen abzubauen. In Saint-Denis versammelten sich Vertreter aller Religionsverbände vor der Synagoge, gegen die ein halbes Dutzend Molotowcocktails geschleudert worden war. Der Bürgermeister der Stadt, Didier Paillard, kündigte bei dieser Gelegenheit an, er werde Klage gegen unbekannt einreichen.

Bei einer Gesprächsrunde, die der Rabbiner von Saint-Denis organisierte, verwahrte sich Paillard aber dagegen, friedliche Demonstranten gegen Israels Militäreinsatz in den gleichen Topf mit antisemitischen Gewalttätern zu werfen.

Die Stadtministerin Fadela Amara will diese kollektiven Initiativen nun auf nationale Ebene ausweiten. Sie lud Vertreter der betroffenen Gemeinschaften und Banlieue-Verbände vor, um weitere Quartiertreffen zu organisieren. Dabei muss sich aber weisen, ob neben den Leitern und Exponenten der betroffenen Gemeinschaften auch die breite Basis bereit ist, auf die "Gegenseite" zuzugehen. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 15.1.2009)

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    Auch die Pizzeria des jüdischen Gemeinschaftszentrums Ohr Menahem in Saint-Denis wurde bei einem Angriff beschädigt.

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