Lächelnd ins Büro

15. Jänner 2009, 17:16
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Farbe, Licht und Teeküche: Design- und Produktmanager Michael Thurow im derStandard.at-Interview über Corporate Identity und Individualismus am Arbeitsplatz

Der durchschnittliche Arbeitnehmer verbringt einen Großteil seines Tages im Büro. Ob er sich wohl fühlt, wirkt sich auch auf seine Motivation und Produktivität aus. Dabei kommt es stark auf das stimmige Zusammenspiel von Farben, Lichtstimmungen, Materialien, Raum und Möbel an, sagt Michael Thurow, Experte auf dem Bereich Shop- und Office-Design im derStandard.at-Interview.

derStandard.at: Können Motivation und Produktivität durch die Gestaltung des Büros gesteigert werden?

Thurow: Durch gut gestaltete Büros schaffen Arbeitgeber attraktive Arbeitswelten und drücken damit ihre Wertschätzung gegenüber ihren Mitarbeitern aus, was sich auf beiden Seiten positiv auswirkt. Hinsichtlich Produktivität gibt es ebenfalls zahlreiche Bürobeispiele, die zur Verbesserung der Produktivität beigetragen haben. BMW hat beispielsweise vor einigen Jahren das Konzept des "Green Office" getestet, ein Büro mit sehr hohem Grünpflanzenanteil, was von den Mitarbeitern extrem gut angenommen wurde. Zudem wurde die Keimbelastung in der Luft reduziert und damit auch die Krankenstandsrate.

derStandard.at: Worauf sollte bei der Begrünung des Büros geachtet werden?

Thurow: Man muss diese professionell umsetzen lassen. Es sollte nicht jeder seine eigenen Pflanzen mitbringen, denn dadurch gibt es Pflanzen, die schlecht behandelt oder sogar vergessen werden. Durch die Ansammlung an unterschiedlichen Töpfen entsteht im Laufe der Zeit ein "Potpourri" an verschiedenen Stilen. Es ist besser, sich einen kompetenten Partner zu suchen, der ein für das Unternehmen passendes Grünraumkonzept umsetzt und auch die Pflege übernimmt.

derStandard.at: Welche Faktoren entscheiden die Wirkung eines Raumes?

Thurow:
Entscheidend ist das stimmige Zusammenspiel aller Einflussgrößen: von Farben, über Lichtstimmungen, Materialien bis hin zur Form von Raum und Möbel. Wichtig ist, dass man ein durchgängiges Konzept entwickelt, zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Benutzer. Damit das Büro zu einem Lebensraum wird, ist es lohnenswert, sich frei von Klischees zu machen wie ein Büro auszusehen hat und ruhig auch in andere Richtungen zu denken.

derStandard.at: Welchen Stellenwert haben Farben in einem Arbeitsraum?

Thurow: Farben können inspirieren, aktivieren, harmonisieren oder motivieren. Farben schaffen Atmosphäre, verstärken Stimmungen und können, richtig eingesetzt, die Corporate Identity eines Unternehmens unterstützen. Doch genau im richtigen Einsatz liegt der Knackpunkt: Wenn Farbe wirken soll, braucht es Fingerspitzengefühl.

derStandard.at: Werden Farben bestimmte Wirkungen nachgesagt oder ist die Farbrezeption personenspezifisch?

Thurow: Ich persönlich glaube nicht an eine derartige Verallgemeinerung. Je Grundfarbe - zum Beispiel Rot - gibt es so viele Nuancen und feine Unterschiede, dass Rot beispielsweise einmal aktivierend und ein anderes mal beruhigend wirken kann.

derStandard.at: Wie wichtig sind die Lichtverhältnisse am Arbeitsplatz?

Thurow: Richtige Lichtverhältnisse sind elementar für unser Wohlbefinden. Wenn sie nur kurze Zeit bei schlechten Lichtverhältnissen arbeiten, wirkt sich das negativ auf ihr Wohlbefinden und damit auf ihre Performance aus. Der Arbeitsplatz sollte richtig ausgeleuchtet sein, nicht zu wenig aber definitiv auch nicht zu viel Licht.

derStandard.at: Welche Materialen eignen sich besonders, für die Gestaltung von Arbeitsräumen?

Thurow: Das universell einsetzbare Wundermaterial gibt es nicht. Auch hier ist die persönliche Präferenz entscheidend: manche wollen nur einen geschliffenen Estrich in Loftatmosphäre, andere wollen einen Teppichboden. Wichtig ist, dass die Materialien von den Benutzern akzeptiert werden und damit einen Beitrag zur Corporate Identity leisten. Das gleiche gilt natürlich auch für Möbel.

derStandard.at: Wo setzen ihre Kunden Prioritäten: bei der Funktionalität oder beim Aspekt des Wohlfühlens? Sind Trends bemerkbar?

Thurow: In der Vergangenheit war der Schwerpunkt sicherlich bei der Funktionalität. Nur ist mittlerweile durch das steigende Angebot von hervorragend gestalteten Produkten der Trend erkennbar, dass Funktionalität als Grundanforderung vorausgesetzt wird, und Aspekten wie Design, Ergonomie oder Individualisierbarkeit stärkere Bedeutung beigemessen wird.
Beim Autokauf setzen Kunden ja auch voraus, dass ihr neues Auto Räder und einen funktionierenden Motor hat, und treffen ihre Kaufentscheidung auf Grund anderer, meist emotionaler Aspekte.

derStandard.at: Welche Rolle spielt die Größe eines Arbeitsraumes in punkto Wohlfühlen?

Thurow: Ich habe sowohl in Großraumbüros als auch in Zellenbüros gearbeitet: je mehr Leute in einem Raum, desto besser ist die alltägliche schnelle Kommunikation, aber natürlich kann das auch ablenken. In Zellenbüro kann man sich sicherlich besser konzentrieren, ist aber schneller vom Kommunikationsfluss abgeschnitten, wenn man sich nicht aktiv darum kümmert.

derStandard.at: Was darf in einem Büro keinesfalls Fehlen?

Thurow: Eine Teeküche!

derStandard.at: Gibt es Tricks, ein Büro mit einfachen Mitteln "wohnlicher" zu gestalten?

Thurow: Es gibt viele tolle Accessoires um ein Büro mit einfachen Mitteln aufzuwerten. Ich bin kein Fan von zu vielen privaten Fotos, die man vor sich aufstellt. Wenn das zu viel wird, verliert das Unternehmen seine Corporate Identity. Individualisierung ist zwar ein wichtiger Beitrag damit sich der Einzelne wohl fühlt, allerdings sollte alles in ein stimmiges Gesamtkonzept passen. Ein Beispiel: Das Unternehmen stellt Bilder zur Verfügung, aus denen die Mitarbeiter auswählen dürfen. (Ursula Schersch, derStandard.at, 15.01.2009)

  • Farben verstärken Stimmungen und schaffen Atmosphäre. Wenn Farbe wirken soll, ist Fingerspitzengefühl gefragt.
    foto: derstandard.at/schersch

    Farben verstärken Stimmungen und schaffen Atmosphäre. Wenn Farbe wirken soll, ist Fingerspitzengefühl gefragt.

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    Ob Großraum- oder Zellenbüro: Individualität ist zwar für Mitarbeiter wichtig, soll aber nicht im Widerspruch zur Corporate Identity stehen.

  • DI Michael Thurow verantwortet seit 2007 den Bereich Design- und Produktmanagement bei Blaha. Nach seinem Architekturstudium an der TU Graz und der UPC Barcelona, arbeitete er in verschiedenen Architekturbüros und spezialisierte sich auf Shop- und Office-Design.
    foto: privat

    DI Michael Thurow verantwortet seit 2007 den Bereich Design- und Produktmanagement bei Blaha. Nach seinem Architekturstudium an der TU Graz und der UPC Barcelona, arbeitete er in verschiedenen Architekturbüros und spezialisierte sich auf Shop- und Office-Design.

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