Thor und der Einbrecher

11. Jänner 2009, 21:19
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Der Wohnungsbesitzer, verkleidet als nordischer Gott, brüllte donnergleich und stürzte in Richtung Dieb

Ist ja nicht mehr ganz so wie früher, aber auch dieser Fasching wird das vergnügungssüchtige Volk wieder auf Bälle und Gschnase treiben. Und die leeren Wohnungen warten auf die Einbrecher. Schlecht erwischt hat es so einer in London. Er wurde vom Wohnungsbesitzer überrascht, Bauarbeiter, Batzenkerl, dazu trat er auch noch als nordischer Donnergott Thor gewandet auf den Plan, mit silbergepanzerter Brust, gehörntem Helme und rot-fliegendem Cape (ganz stilsicher waren sie nie, die Briten). Der Dorsa Trutin (Handschrift von Canterbury, Anm.), Herr der Riesen, ließ einen donnergleichen Brüller los und stürzte in Richtung Dieb.

Der, vor die Wahl gestellt, von der fürchterlichen Erscheinung zermalmt zu werden oder durch das Fenster in den Tod zu springen, zog Letzteres vor. Passiert - posttraumatische Zustände einmal beiseite - ist ihm dabei nichts, er fiel auf ein Vordach, kullerte herunter und humpelte von dannen. Thor sah ihm grinsend nach. Er wusste nicht, dass er in der Ragnarök, der nordischen Götterdämmerung, an den Ausdünstungen der Midgardschlange zugrunde geht, des alten Stinktiers. Das war aber jetzt kein Tipp für Einbrecher. (Gudrun Harrer/DER STANDARD-Printausgabe, 12.1.2009)

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