Frieren aus Desinteresse

11. Jänner 2009, 20:54
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Es ist oft die fehlende Bereitschaft der Bürger und Behörden, auf die Ärmsten einzugehen, die tötet - Von Michael Möseneder

Das fehlende russische Gas ist nicht der Grund, warum in der EU hunderte Menschen erfrieren. Und in Wahrheit ist auch die klirrende Kälte nur der fatale Auslöser - es ist oft die fehlende Bereitschaft der Bürger und Behörden, auf die Ärmsten einzugehen, die tötet.

Nicht nur die Obdachlosen sind vom Kältetod betroffen. Auch Wohnungsbesitzer sterben - weil sie sich kein Heizmaterial leisten können, wie Fälle in Ungarn und Rumänien zeigen. Erst jetzt beginnen sich dort die Behörden bei Bedürftigen aktiv nach dem Heizbedarf zu erkundigen.

Das Problem gibt es auch in Österreich: Die Länder bieten zwar Heizkostenzuschüsse an, doch nicht alle Betroffenen nutzen sie. Mindestpensionistinnen, die sich schämen, staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, oder andere, die kaum etwas von dem Angebot wissen, gibt es zur Genüge.

Dass im größten Wirtschaftsblock der Welt, der EU, und im siebtreichsten Land der Welt, Österreich, Erfrierungen überhaupt ein Thema sind, ist eine Schande. Bestürzend ist dabei auch das Desinteresse der Bevölkerung. Gegen fast jede neue Straße gibt es Bürgerinitiativen, geht es um Fluglärm, steigen die Bürger auf die Petitions-Barrikaden.

Anders bei Armut. Außer den Sozialorganisationen, die quasi von Amts wegen Alarm schlagen müssen, tut sich wenig. Und wenn sich im politischen "roten Wien" offenbar niemand daran stößt, dass obdachlose EU-Bürger gefälligst auf der Straße schlafen sollen, zeigt das, wie kalt es wirklich geworden ist - temperaturmäßig und gesellschaftlich. (Michael Möseneder/DER STANDARD-Printausgabe, 12.1.2009)

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