"Müssen Hecht im Karpfenteich sein"

11. Jänner 2009, 19:16
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Alfred Ludwig wurde zum Generaldirektor befördert, er ist der neue starke Mann im ÖFB. Ein Standard-Interview über Grund­sätzliches und Visionen

Standard: Vom Generalsekretär zum Generaldirektor, eine steile Karriere, oder?

Ludwig: Jein. Es ist ein Strukturwechsel, der ÖFB hat sich entschlossen, aus einem weisungsgebunden Angestellten einen in gewissen Bereichen selbstständigen Geschäftsführer zu machen. Man kann darüber diskutieren, ob der Titel sehr gescheit ist. Ich wende ihn aber eh nicht an, ich bleibe immer der Alfred Ludwig.

Standard: Sind Sie der große Nutznießer von Friedrich Sticklers Rücktritt, oder profitiert auch der gesamte Fußballbund davon?

Ludwig: Es profitiert der gesamte Fußball. Das bezahlte Management ist ja nur ein Element. Das Wesentliche ist, dass Gremien verkleinert wurden, es wird alles schneller.

Standard: Ist es nicht eine typisch österreichische Lösung? Ein ehrenamtlicher Präsident bleibt, die Verhaberung wurde nicht abgeschafft.

Ludwig: Das sehe ich nicht so. Es geht um die Sportpolitik im ureigensten Sinn. Da sind Statuten, Interessen und Regeln, da sind Ligen und Vereine, man muss in einem großen Verband die grundsätzlichen Zusammenhänge beachten. Es ist notwendig, dass du einen Aufsichtsrat, ein Direktorium und ein Präsidium hast. Der Präsident repräsentiert nach außen.

Standard: Ein Grüß-Gott-August?

Ludwig: Nein, ein Innen- und Außenminister.

Standard: Wer wird neuer Präsident? Der oberösterreichische Verbandschef Leo Windtner?

Ludwig: Für mich ist das nicht beantwortbar, der Wahlausschuss ist dafür zuständig. Der Generaldirektor kann und soll sich seinen Chef nicht selbst aussuchen.

Standard: Strukturreformen bedingen keine besseren Leistungen des Nationalteams.

Ludwig: Stimmt. Sie waren aber trotzdem notwendig.

Standard: Wie ist Ihr Verhältnis zur Macht? Ihnen wird nachgesagt, kein Teamplayer zu sein. Sie sollen Probleme mit dem Delegieren haben.

Ludwig: Ich habe gar kein Verhältnis zur Macht, weil ich nie danach gesucht habe. Die Vorwürfe stammen von Leuten, die den Tagesablauf nicht kennen. Bin ich verantwortlich, muss ich akzeptieren, dass ich, sollte etwas schieflaufen, selbst Probleme bekomme. Wer Watschen kriegt, hat auch ein Recht auf Lob. Nun habe ich die Möglichkeit, mit einer zweiten Ebene zu arbeiten. Die Leute haben Aufgaben, ein Budget, tragen Verantwortung.

Standard: Was sind die größten Baustellen im ÖFB, wie kann man sie beseitigen? Welche Visionen haben Sie?

Ludwig: Die Visionen sind teilweise schon im Gange. Die Zukunftklausur tagt, wird bald Ergebnisse vorlegen. Das Nachwuchsprojekt ist auf Schiene. Breiten- und Spitzensport sind kommunizierende Gefäß. Die Individualförderung von Talenten ist wichtig, die Liga sitzt da mit im Boot. Wir müssen endlich im Frauenfußball aktiver werden. Eine andere Baustelle ist sicher die Nationalmannschaft.

Standard: Muss man nicht akzeptieren, dass Österreich für eine große Breite zu schmal ist? Sind die Erwartungen nicht überzogen?

Ludwig: Für mich sind Dänemark, Schweden oder auch Kroatien vergleichbar. Warum gelingt es denen? Im Nachwuchs klappt es bei uns ganz gut, aber wir können es nicht bis ganz hinaufziehen. Da muss der Hebel angesetzt werden. Fairerweise muss gesagt werden, dass wir in der WM-Qualifikation zum Teil übermächtige Gegner haben. Andererseits muss man sich das Ziel setzen, Qualifikationen zu schaffen. Sonst wäre es ja Resignation. Es geht um den Mittelweg. Österreich muss immer der Hecht im Karpfenteich sein. Das kann ein ehrenvolles Scheitern sein. Ein Platz in der Weltrangliste zwischen 30 und 40 muss drinnen sein.

Standard: Wie reagiert der ÖFB auf die Finanzkrise? Verlieren Verbände nicht generell an Macht? Haben Nationalteams eine Zukunft?

Ludwig: Vor allem in kleinen Ländern, in denen die Spieler kaum auf internationalem Niveau tätig sind, sind Nationalmannschaften extrem wichtig. Sie sind die einzige Bühne, um aufzufallen. In der Champions League sind österreichische Vereine ja eher unauffällig. Natürlich müssen wir auf die Finanzkrise reagieren. Im Zuge der Flaute drehen die Firmen jeden Euro zweimal um. Da mache ich mir keine Sorgen, der ÖFB ist ein verlässlicher Partner. Sorgen bereitet mir der österreichische Fernsehmarkt. Im Free-TV haben wir einen sehr dominanten ORF. Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Verhandlungen schwieriger werden. Das gilt auch für die Klubs.

Standard: Muss der ÖFB selbstbewusster werden?

Ludwig: Ja. Wir müssen zusammenrücken, die Interessen des ÖFB, der Klubs und der Liga sind nicht so unterschiedlich. Fußball ist der attraktivste Sport, auch wenn die Skispringer erfolgreicher sind.

Standard: Täuscht der Eindruck, oder ist Teamchef Karel Brückner wirklich nicht mit großem Enthu-siasmus bei der Sache? Er ist selten anwesend, die WM-Quali wurde im Rekordtempo praktisch vergeigt. War er die richtige Wahl?

Ludwig: Man muss ihm zugutehalten, dass er viel weniger Zeit als Hickersberger hatte und nicht probieren konnte. Man setzte auf Erfahrung, Stickler wollte einen Ausländer, da war Brückner die attraktivste Lösung. Dass er für die Medien nicht einfach ist, gebe ich zu.

Standard: Eine vorzeitige Trennung denkbar?

Ludwig: Diese Frage stellt sich nicht, er hat einen Vertrag. Brückner hat das Feuer, ein Team zu formen.

Standard: Ist es ein Ziel, dass der ÖFB künftig seine Teamchefs selbst entwickelt? Wäre auch billiger.

Ludwig: Das kann sein, wir sind aber noch nicht ganz so weit.

Standard: Wieso ist von der EURO so wenig übriggeblieben?

Ludwig: Was bleibt von Olympischen Spielen übrig? Es war ein tolles Turnier, wir haben ein Desaster abgewendet. Das reicht doch.

Standard: Gemeine Frage: Was fällt Ihnen zu Steffen Hofmann ein?

Ludwig: Der Vorwurf, dass ich blauäugig war, bleibt. Hofmann ist ein feiner Kerl, er hätte gerne für uns gespielt. Nicht wegen des Geldes, nicht wegen der Staatsbürgerschaft. Nur weil er im Nachwuchs ein paar Minuten für Deutschland kickte, klappte es nicht. Im Fall Hofmann habe ich den Glauben an die Gerechtigkeit verloren. (Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe, Montag, 12. Jänner 2009)

ZUR PERSON:Alfred Ludwig, geboren 1950 in Wien, war als Hauptschullehrer und Journalist tätig. 1981 wechselte er als Pressechef zum ÖFB, 1986 wurde er Generalsekretär. Jetzt ist er Generaldirektor.

  • Alfred Ludiwg: "Ein ehrenvolles Scheitern kann für Österreichs Fußball auch schon ein Erfolg sein."
    foto: zolles/robert zolles

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