Rutschpartie des Sterbens

11. Jänner 2009, 18:50
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"Fouché" spürt dem gleichnamigen, einst in Linz exilierten napoleonischen Polizeiminister nach, verlor ihn aber im schönen Bilderbogen zur Französischen Revolution

Linz - Für Linz09 hat man nicht nur augenfällige stadtgeschichtliche Tatsachen ins Licht gerückt, wie etwa Hitlers Visionen einer Führer-Hauptstadt, zu sehen im Schlossmuseum. Das noch junge Kulturhauptstadtjahr ging mit der Schauspieloper Fouché auch ins unbekannte Detail: Das Auftragswerk an Franz und Sandra Hummel (nach einer Idee von Otto M. Zykan) erinnert nämlich daran, dass der französische Politiker und spätere Polizeiminister Napoleons, Joseph Fouché, nach einer langen, höchst kriminellen Karriere eine Art Bleiberecht in - ja - Linz zugesprochen bekam. Von Metternich "geduldet", wie es unter anderem auch in der Biografie von Stefan Zweig heißt.

Fouché, dieser "Schlächter von Lyon", wo er 1600 Todesurteile gegen monarchistische Aufständische erwirkte, bezog wenige Jahre vor seinem Tod mit Frau und Tochter ein Linzer Domizil. Gemocht war er hier nicht. Aus gesundheitlichen Gründen übersiedelte er bald nach Triest, starb dort 1820 und hinterließ seinen Erben ein Vermögen von angeblich 14 Millionen Francs. Mit Linz verbindet Fouché demnach recht wenig.

Aber die Donaustadt ist immerhin jener Ort, an dem ihn seine "Memoiren" eingeholt haben sollen. Und verglichen mit dem, was dieser Massenmörder im revolutionären Frankreich angerichtet hat, sind die ihn bei der Uraufführung heimsuchenden Gespenster der Vergangenheit recht handzahm. Ein wenig so, als wäre der Aufmarsch der aus den Gräben steigenden Sansculotten eine Modenschau. Ist ja nicht schlecht! Ein Chor von Henkern taucht in legeren Kapuzen aus dem Hinterhalt auf, höfische Statisten tänzeln unter gepuderten Perücken, und blutrote Seidenschals schlängeln sich im Moment der Hinrichtung um die Hälse von standhaften Royalisten (Kostüme: Erika Landertinger).

Das ist auch ein wenig das dramaturgische Dilemma dieser sonst passablen Produktion: Die Figur Fouché beginnt sich hinter dem Revolutionsgebaren mit seinen üblichen Protagonisten mehr und mehr aufzulösen, sodass am Ende ein wirres Zeug redender Greis steht, den man mit den brutalen Geschehnissen nicht in Verbindung bringt. Sprich: Gesehen und gehört hat man mehr ein Stück zum historischen Kontext als über die Schachzüge Fouchés. Das lyrische Libretto von Sandra Hummel ließ dafür auch viel Spielraum.

Mit Vehemenz blendeten Dirigent Alexei Kornienko und das Ensemble09 in die Zeit der Revolution zurück. Darunter mischten sich einmal Akkordeonklänge, dann kurz ein Walzertakt. Wer singen konnte, sang, wer nicht, versuchte sich wie Harald Heinz als Fouché im Sprechgesang. Eine durchaus konstitutive Lösung, manche idiomatische Schlampigkeit störte mehr. Die charakteristischste Aussage ging vom Bühnenbild Bernhard Hammers aus: Auf einem große Wellen schlagenden Holzweg zieht es den Revolutionären den Boden unter den Füßen weg. Eine schöne Metapher, die von Anfang an auch für Fouché und seine Tochter (Léla Wiche) gilt. Auf denselben Wellen rollen die Köpfe, von deren Revolutionsblut Fouché gierig kostet; bei hochgehaltener Trikolore fallen in diese Wellen auch die Exekutierten; und als Schützengräben in den napoleonischen Feldzügen finden auf ihnen veritable Rutschpartien des Sterbens statt. Da war Fouché längst nur mehr Zaungast seines Lebens. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe, 12.01.2009)

Bis 15. 1.

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