"Schritt in äußerster Not" zurück zum Atomreaktor

11. Jänner 2009, 18:47
7 Postings

Russlands Lieferstopp beim Gas hat nun noch einen Streit innerhalb der EU entfacht: Brüssel und Wien protestieren gegen die Wiederinbetriebnahme eines stillgelegten Reaktors in Bohunice

Eine Woche wird es dauern, sagen die Experten, doch Robert Fico will es schneller haben. Nach drei Tagen ohne russisches Gas und keiner Garantie für eine rasche Wiederaufnahme der Lieferungen ist dem slowakischen Regierungschef der Geduldsfaden gerissen. Am Samstag kündigte Fico den Neustart des Kernkraftwerks Bohunice an. Der zweite Block war vertragsgemäß zum 31. Dezember eingemottet worden, so, wie es die EU-Kommission wollte. Es ist ein "Schritt in äußerster Not", sagt nun der Premierminister.

Auch Opposition dafür

In Bratislava sehen viele politische Beobachter in Ficos Entscheidung wohl auch ein populistisches Manöver, mit dem der Premier Punkte in der Bevölkerung sammeln will. Doch dem Anfahren des Block zwei von Jaslovské Bohunice, begleitet von Warnungen der EU-Kommission Brüssel, stimmt auch die Opposition zu. Die Diversifizierung der Energiequellen sei etwas, das alle Regierungen unterlassen haben, die seit der Wende im Amt waren, räumt Daniel Lipsic, der Vize-Chef der Christdemokraten, ein.

Viel zu drängend ist nun der wirtschaftliche Druck im Land geworden. Sechs Tage wird die Slowakei am heutigen Montag ohne Gasversorgung aus dem Osten sein. Die Flaggschiffe der slowakischen Industrie sitzen auf dem Trockenen: Bei KIA Slovakia oder PSA/Peugeot wird derzeit gar nicht produziert, VW Slovakia setzt den Betriebsurlaub fort, andere große Fabriken wie die Slovnaft-Ölraffinerie oder U.S. Steel laufen auf Sparbetrieb. Die Ersparnis fiel dennoch um die Hälfte niedriger aus, als sich die Regierung erhoffte. Private Haushalte, Krankenhäuser und Schulen wurden weiter beheizt - lediglich in der mittelslowakischen Stadt Trenèín blieben die Grundschulen geschlossen.

Moskau wartete auf Text

Im Gasstreit selbst sind am Sonntag nur wieder neue Hindernisse zwischen Russland und der Ukraine aufgetaucht. Zwar unterschrieb auch Kiew am Sonntagmorgen ein Abkommen, das die Wiederaufnahme der Gaslieferungen nach Europa und die Arbeit von je 25 Beobachtern aus der EU, der Ukraine und Russland entlang der Pipelines vorsah, doch die Übermittlung des Vertrags nach Moskau zog sich hin. Mirek Topolánek, der Außenminister des EU-Vorsitzlandes Tschechien, war das ganze Wochenende über auf Vermittlungstour.

Bessere Nachrichten gab es aus Serbien. Trotz Temperaturen um minus zehn Grad werden die meisten Serben das serbisch-orthodoxe Neujahr am 13. Jänner in warmen Wohnungen feiern können. Das hätte man der europäischen Solidarität zu verdanken, erklärte Staatspräsident Boris Tadic. Serbien bekomme täglich rund drei Millionen Kubikmeter Erdgas aus Deutschland und zwei Millionen aus Ungarn. Sollten auch die zwei Länder in Bedrängnis kommen, hätte man mit Österreich Lieferungen von zwei bis drei Millionen Kubikmeter Gas vereinbart, sagte Tadic.

Belgrad hilft Bosniern

Anders als Bulgarien, wo die Regierung nun ebenfalls einen stillgelegten Reaktor wieder in Betrieb nehmen will, hat Serbien auf diese Weise die Gaskrise überwunden. Die serbischen Pipelines arbeiteten mit 80 bis 100 Prozent ihrer Kapazitäten, verkündete das Energieministerium. In einem Anflug von Gemeinschaftsgeist beschloss Serbien, dem besonders hart von der Gaskrise betroffenen Bosnien und Herzegowina mit einer Zulieferung von rund einer halben Million Kubikmeter Gas täglich auszuhelfen. Diese "Geste des guten Willens" wurde mit wohlwollendem Staunen in Sarajewo aufgenommen. (Lýdia Kokavcová, Andrej Ivanji, Markus Bernath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.1.2009)

  • Warten auf das Gas: Ein Schulbub in Ungarn bläst die Eisblumen auf dem Fenster seines Klassenzimmers weg.
    Foto: EPA/Balazs

    Warten auf das Gas: Ein Schulbub in Ungarn bläst die Eisblumen auf dem Fenster seines Klassenzimmers weg.

  • Artikelbild
Share if you care.