"Höchste Zeit, dass Europa eine Antwort findet"

11. Jänner 2009, 18:20
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Das Thema Versorgungssicherheit sei in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen, moniert der deutsche Energieexperte Lars Meckenstock

Ein Umdenken sei notwendig. Mit ihm telefonierte Günther Strobl.

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STANDARD: Welche Lehren sollte Europa aus dem Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine ziehen?

Meckenstock: Die Versorgungssicherheit muss wieder mehr in den Mittelpunkt rücken. Das primäre Ziel der Europäischen Union in den vergangenen Jahren war es, möglichst vielen Menschen möglichst günstige Energie zur Verfügung zu stellen. Außerdem sollte das möglichst umweltverträglich geschehen.

STANDARD: Zugunsten der Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit wurde auf die Versorgungssicherheit vergessen?

Meckenstock: Sie ist zumindest in der Wahrnehmung der Politik und der Bevölkerung etwas in den Hintergrund getreten.

STANDARD: In Zeiten regulierter Märkte gab es dicke Sicherheitspolster auf der Versorgungsseite. Allerdings waren auch die Kosten entsprechend hoch. Das ist nicht sehr populär?

Meckenstock: Es geht um das richtige Maß. Die drei Ziele Wirtschaftlichkeit, Umweltverträglichkeit und Versorgungssicherheit konkurrieren miteinander; sie sind nicht konfliktfrei, zumindest nicht mit den gegebenen Technologien.

STANDARD: Was müsste geschehen?

Meckenstock: Es gibt ein Bündel an Maßnahmen, um die Sicherheit der Energieversorgung substanziell zu verbessern. Das fängt an bei neuen Routen für Gaslieferungen, eine weitergehende Diversifizierung der Lieferantenländer und Einbezug anderer, flexibel handelbarer Formen von Gas, etwa LNG (Liquified Natural Gas, Flüssiggas; Anm.). Darüber hinaus können und sollen natürlich auch andere Energieträger forciert werden.

STANDARD: Alternative Routen gut und recht, das sind alles mittel- bis langfristige Projekte. Was kann man aber kurzfristig machen?

Meckenstock: Zum Beispiel den Speicherausbau vorantreiben. Deutschland und Österreich sind in der glücklichen Lage, vergleichsweise viel Gas in Speichern gebunkert zu haben. Wie wichtig das ist, hat sich bei diesem Konflikt gezeigt. Dabei hatten wir es nur mit einem Streit zwischen einem Produzenten- und einem Transitland zu tun. Nicht auszudenken, wenn ein scherwiegenderer Konflikt oder gar ein Krieg ausbrechen würde. Länder, die über keine oder zu kleine Speicher verfügen, haben unter dieser bilateralen Auseinandersetzung zwischen Russland und Ukraine schon enorm gelitten.

STANDARD: Sie plädieren für eine strategische Gasreserve in allen EU-Ländern, wie es sie etwa bei Öl gibt?

Meckenstock: Es müsste zumindest eine gesamteuropäische Abstimmung geben, wie man sich im Extremfall untereinander hilft. Derzeit ist man auf eine gute Nachbarschaft angewiesen. Im Endeffekt ist aber jeder sich selbst der Nächste. Hinzu kommt, dass notleidenden Ländern derzeit gar nicht geholfen werden könnte, weil notwendige Leitungen fehlen.

STANDARD: Also müsste auch das Pipelinenetz verstärkt werden?

Meckenstock: Einmal das. Zusätzlich sollten Stichleitungen zur geplanten Nabucco-Pipeline gebaut werden, die ab 2013 Gas aus dem kaspischen Raum nach Europa bringen soll. Länder wie Bulgarien und Rumänien, die beide einen Zugang zum Meer haben, sollten sich Gedanken machen, gemeinsam eine Anlandungsstation für Flüssiggas zu bauen.

STANDARD: Sehen Sie die Zeit reif für eine europäische Energiepolitik?

Meckenstock: Absolut. Der Gasstreit hat uns gezeigt, wie verwundbar wir sind. Es ist höchste Zeit, dass Europa eine Antwort findet. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.1.2009)

Zur Person

Lars Meckenstock (33) ist Energieexperte des Beratungsunternehmens Arthur D. Little in Düsseldorf.

  • Lars Meckenstock: "Deutschland und Österreich sind in der glücklichen Lage,
vergleichsweise viel Gas in Speichern gebunkert zu haben. Wie wichtig
das ist, hat sich bei diesem Konflikt gezeigt."
    foto: arthur d. little

    Lars Meckenstock: "Deutschland und Österreich sind in der glücklichen Lage, vergleichsweise viel Gas in Speichern gebunkert zu haben. Wie wichtig das ist, hat sich bei diesem Konflikt gezeigt."

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