Grüne: Angriffiger, aber die Visionen fehlen

11. Jänner 2009, 18:05
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Will Glawischnig sich und ihre Partei eindeutig positionieren, wird sie um klare Gewichtungen nicht herumkommen

Die Grünen haben beim kommenden Parteitag eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder sie liefern Sprechblasen ab, die dann vom besten Sprechblasen-Produzenten des Landes in der Presse zum Platzen gebracht werden. Oder sie gehen das Wagnis ein, Visionen für das Land zu formulieren. Die Zeit wäre reif. Vor allem für eine Oppositionspartei, die gegenüber den rückwärtsgewandten Blauen und Orangen die Chance hätte, neue Wege aus der Krise zu zeigen.

Unter Eva Glawischnig sind die Grünen zweifellos angriffiger geworden. Aber selbst die von ihr aufgegriffene EU-Kritik ist jener der Rechtsparteien, aber auch jener der Niessl-Roten zu ähnlich, um alternativ und substanziell zu sein.

Unter Alexander Van der Bellen haben die Grünen ihr derzeitiges Hauptproblem entwickelt. Weil sie eine Koalition weder mit Schwarz noch mit Rot ausgeschlossen haben, hat das Offensive gelitten. Um sich keiner Option zu berauben, sind viele Konturen verlorengegangen.

Dazu kommen soziologische Verschiebungen und Veränderungen des Lifestyles. Die Grünen der 80er-Jahre sind nicht nur in die etablierten Schichten vorgerückt. Selbst wenn sie nach wie vor demonstrieren wollten: Vielen macht es körperlich erhebliche Mühe.

"Bildungs- und Kulturkreativen"

Die größte Gruppe der grünen Wähler sind wie in Deutschland zweifelos die "Bildungs- und Kulturkreativen". Zwar ist die Krawatte bei ihnen noch nicht dominant, aber Marken-T-Shirts haben die Billigware abgelöst.

Sie halten sich zwar noch immer für unkonventionell, und im Unterschied zu ihren eigenen Eltern verbieten sie ihren Kindern weder Punk noch die Ohrenfolter der heutigen Disco-Musik. Die grüne Jugend aber denkt und handelt (liest man in Studien) doch schon wieder prinzipieller und rebellischer. Das zeigt sich auch in der Anhängerschaft der Tierfabrikgegner. In Deutschland im wieder verstärkten Zuzug Junger zu den Gegnern der Atommülltransporte.

Eva Glawischnig dürfte, sollte sie den Spagat probieren oder den Tanz rund ums Feuer, keine figurelle Mühe haben. Will sie sich und ihre Partei jedoch eindeutig positionieren, wird sie um klare Gewichtungen nicht herumkommen.

Öko-soziale Steuerpolitik

Nicht die soziale Frage ist, wie von ihr in einem Interview gesagt, das Wichtigste. Die ursprünglich von Van der Bellen propagierte öko-soziale Steuerpolitik hätte wieder Vorrang, die Forcierung der „green collar workers" wäre eine Antwort auf die soziale Problematik der Krise. Das Engagement für die diskriminierten Randgruppen wurde von der Partei ohnehin nicht vernachlässigt.

Ein anderes Beispiel: Die Grünen müssen auf ihrem Parteitag klar sagen, ob sie für den Türkei-Beitritt zur EU sind. Daran könnten sich europäische Optionen knüpfen. Wie soll die EU in zehn Jahren aussehen?

Wahrscheinlich lesen grüne Spitzenpolitiker mehr als schwarze oder rote. Aber warum laden sie nicht Vordenker wie Naomi Klein, die mit ihrer Kritik am Chaos-Kapitalismus prinzipiell recht gehabt hat, nach Österreich ein? Oder den amerikanischen Öko-Aktivisten Van Jones? Gerade jetzt. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 12.1.2009)

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