Flugsaurier: Starthilfe durch "Froschsprung"

11. Jänner 2009, 18:10
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US-Forscher: Sie verwendeten eine andere Technik zum Abheben als Vögel - darum konnten sich auch deutlich größere Tiere in die Lüfte schwingen

Baltimore/Bonn - Die Flugfähigkeiten der Pterosaurier sind seit jeher ein beliebtes Streitthema innerhalb der Paläontologie - speziell die Frage, wie sie die Herausforderungen meisterten, die die Aerodynamik für ihre teils riesenhaften Körper bereit hielt, führte zu zahlreichen unterschiedlichen Hypothesen. Eine davon, nämlich dass die Flugsaurier aufgrund ihrer Größe nicht aus flacher Ebene abheben konnten, glaubt ein Forscher aus Baltimore nun widerlegen zu können.

Michael Habib vom Zentrum für funktionelle Anatomie und Evolution der Johns Hopkins University School of Medicine verglich die Knochenstärke verschiedener Vogel- und Flugsaurierarten. Die Knochen der vorderen Extremitäten der Flugsaurier sind - ganz im Gegenteil zu den Vögeln - stärker als die der Beine. Habib schloss daraus, dass die Saurier auch ihre eingefalteten Flügel als Vorderbeine zum Abheben einsetzten.

Unterschiedliche Techniken

Vögel starten ihren Flug durch einen Sprung der Beine und flattern dann mit den vorderen Extremitäten, den Flügeln. Diese sind beim Startsprung kaum behilflich, während die Beine keine Flugkraft besitzen und in der Luft zur Last werden. Ins Gewicht fallen besonders die Muskeln der Beine, die umso schwerer sind, je größer der Vogel ist. Das Muskelgewicht bildet somit eine natürliche Grenze für die Vogelgröße. Deshalb könne laut Habib ein Tier, das sich wie ein Vogel erhebt, nur so groß werden wie der größte Vogel.

Die Flugsaurier, deren größte Exemplare wie der Quetzalcoatlus oder der Hatzegopteryx eine Flügelspannweite von bis zu zwölf Metern und ein Gewicht von über 200 Kilogramm erreicht haben könnten, verwendeten laut dem Forscher aus Baltimore eine andere Abhebetechnik. Sie hätten die gefalteten Vorderbeine, auf deren Gelenke sie beim Gehen und Springen balancierten, beim Flugstart zum Wegstoßen genutzt, was zu einer Bewegung führte, die den Froschsprünge geähnelt habe: "Indem sie alle vier Beine zum Schub nutzten, brauchten sie weniger als eine Sekunde um von flachem Boden abzuheben", so Habib. Das sei angesichts der Bedrohung durch fleischfressende Saurier ein Vorteil gewesen.

Zustimmende Reaktionen

Der Münchner Paläontologe Peter Wellnhofer bezeichnet die Hypothese Habibs als "nicht unwahrscheinlich". Sie müsse jedoch nicht für alle Flugsaurier gelten. "Jedenfalls dürften die kleineren Arten neben dem Flügelschlagen vor allem ihre Hinterbeine zum Start vom Boden aus benutzt haben", so Wellnhofer. Denkbar sei weiterhin, dass Flugsaurier erhöhte Standpunkte zum Abschwung in die Luft genutzt hätten. Ähnliches sei auch für den Urvogel Archaeopteryx anzunehmen, zu dessen Erforschung Wellnhofer Wesentliches beigetragen hat.

Für plausibel hält die Absprung-Theorie auch Peter Sanders vom Bonner Institut für Paläontologie. Die Wissenschaft habe bisher kaum die Frage nach dem biomechanischen Flugmechanismus der Flugsaurier gestellt. "Besonders die Frage, warum Flugsaurier größer als Vögel werden konnten, ist spannend", so Sanders. Flugsaurier besaßen trotz ihrer Größe ein äußerst geringes Gewicht. Möglich war diese optimale Anpassung an die fliegende Lebensweise durch eine extreme Leichtbaukonstruktion. "Die Knochen der Flugsaurier waren Röhren mit einer Stärke von nur einigen Millimetern", so Sanders.

Verschwundene Errungenschaft der Evolution

Auch Europa wurde in der Kreidezeit von einer großen Zahl verschiedenster Flugsaurier bevölkert. "Man kennt sie als Fossilien aus über 200 Mio. Jahre alten Schichten der Alpen, aber auch noch in 70 Millionen Jahre alten Schichten Englands", erklärt Wellnhofer. Ihre Größe habe von der eines Sperlings bis hin zu mehreren Meter spannenden Flugtieren gereicht. Ihr Aussterben sei zugleich mit dem der Dinosaurier geschehen, wahrscheinlich ebenfalls aufgrund ungünstiger Umwelt- und Lebensbedingungen. Verloren ging damit auch ihre einzigartige Flugtechnik. "Ein Rolle spielte hier aber auch die zunehmende Konkurrenz der Vögel. Sie besaßen als Warmblüter mit Federkleid einen selektiven Vorteil gegenüber den fliegenden Reptilien", so der Flugsaurier-Experte abschließend. (pte/red)

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    Schon beim Pteranodon (links) mit seinen sieben Metern Flügelspannweite erscheint ein Start von Abhängen aufwändig - beim gigantischen Hatzegopteryx (rechts) kann man sich endgültig nicht mehr vorstellen, dass er sich jedesmal erst bergauf schleppte, ehe er losfliegen konnte. Aber auch ein "Froschsprung" dieses Riesen müsste ein spektakulärer Anblick gewesen sein.

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