Wer wir sind und wer nicht

    10. Jänner 2009, 17:26
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    Ein Weichtier, das es aus der Reserve zu locken gilt: Der Begriff der Identität psychologisch betrachtet

    Am Anfang des 3. Jahrtausends ist die Suche nach Identitäten virulent: Nach der eigenen in den Netzwerken des organisierten Individualismus, nach gemeinschaftlichen in der globalisierten Gesellschaft, nach stabilen Anhaltspunkten in Zeiten des immer rapideren Wertewandels. 2002 unternimmt eine Diplomarbeit des Psychologen Daniel Sanin den Versuch, den inflationär gebrauchten Begriff auf den Punkt zu bringen. Und findet dabei eine ganze Punktewolke.

    "Zur Kritik des Identitätsbegriffes": Der Titel dieser Arbeit sagt schon aus, was sie so anspruchsvoll
    und gleichzeitig wertvoll macht: Die systematische Bestimmung eines ebenso wichtigen wie schwer zu fassenden Begriffes. Identitätszuordnungen werden von uns allen auf alltäglicher Basis vorgenommen. Das fängt schon bei unserer eigenen Identität an: Wie definiere ich mich, und als wer oder was werde ich von anderen erkannt? Vor allem dieses Erkennen, das Zuschreiben von Identität an andere ist in der Wissenschaft zu einem Top-Thema geworden seit in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Cultural Studies und allgemein kulturalistische Modelle die DenkerInnen zu prägen begannen.

    Reden über Identität

    In den 80er und 90er Jahren haben zusätzlich konstruktivistische Konzepte den Mainstream der Wissenschaft erobert. Das bedeutet die Ansicht, dass erst der Diskurs, das "Reden-über" Identität diese erschafft, und das jeden Tag aufs Neue - beeinflusst durch unser Verhalten, das wiederum geprägt ist durch die Sozialisation, der wir ausgesetzt waren und sind.

    Seitdem widmen sich die Humanwissenschaften vor allem der Frage, wie diese Herstellung von Identität funktioniert. In der Vergangenheit hatte die Menschheit immer gewisse Kategorien parat, um Zuordnungen zu erzeugen: Stände, Religionen, Ethnien bis hin zu Nationalstaaten. Dass diese Kategorisierungen im 21. Jahrhundert immer mehr an Aussagekraft verlieren, zeigt sich beispielsweise an der Genderdebatte. Hier wird eine einstige Konstante der Identitätsbildung, die noch vor Jahren als naturgegeben angesehen wurde, sukzessive relativiert.

    Identität, ein heikler Begriff

    Ursprünglich sollte die Diplomarbeit des Psychologen Daniel Sanin eine Studie über die Identitätskonstruktion der SüdtirolerInnen werden - eine Region, die ja gerade in so identitätsbildenden Bereichen wie Nation und Sprache historisch gewissermaßen zwischen den Stühlen sitzt. Wie es sich für eine wissenschaftliche Arbeit gehört, musste dafür zuallererst eine Begriffsbestimmung vorgenommen werden: Was bedeutet "Identität" eigentlich für die Wissenschaft? Wie lässt sich der Begriff definitorisch so erfassen, dass mit ihm argumentiert werden kann?

    Diese Begriffsbestimmung wurde schnell immer komplexer, und bald stellte sich heraus, dass sie allein eine Diplomarbeit werden könnte. Gleichzeitig schien es dem Autor immer heikler, mit einem so ideologisch aufgeladenen Begriff zu arbeiten, je mehr er darüber recherchierte. Daher beschloss er den trockeneren, aber für die Grundlagenwissenschaft spannenderen rein theoretischen Weg zu gehen: zu untersuchen, was Identitätsbestimmungen so spannungsgeladen macht, auch in der Wissenschaft.

    Wer bin ich?

    Identität wird zunächst in zwei Formen gebraucht: subjektive und kollektive. Die beiden Formen stammen aus unterschiedlichen Traditionen und werden selten konsequent in einem theoretischen Modell zusammengedacht; Daniel Sanin versucht hier eine übergreifende Analyse.

    Meine Identität als Subjekt definiert, was ich bin, wo ich anfange und aufhöre. Ich teile mir also die
    Welt in das, was ich bin, und den ganzen Rest. Das ist ein wesentlicher Bestandteil von Bewusstsein und erlaubt mir, mit eben diesem Rest der Welt zu interagieren. Damit beschäftigt sich spätestens seit Freud vor allem die Individualpsychologie, bei der die Arbeit daher auch ihren Ausgangspunkt nimmt. Das entsprechende Kapitel beginnt mit kanonischen Ansätzen, wie das menschliche Selbst aufgeschlüsselt werden kann: durch den Soziologen George Herbert Mead und den Psychoanalytiker Erik H. Erikson. Der Autor geht aber nicht rein chronologisch vor, sondern beweist interdisziplinäre Literaturkenntnis auf der Suche nach passenden Konzepten für sein Thema. Sie führt ihn schließlich bis zu einer Schlüsselfigur der Cultural Studies, dem Kolonialismusforscher Stuart Hall. Dieser ist als Oxford-Student mit jamaikanischen Wurzeln selbst zwischen zwei Welten aufgewachsen.

    Wer bin ich sicher nicht?


    Identität, wie sie die Sozial- und Kulturwissenschaften verstehen, wird auf kollektiver Ebene gebildet. Von Familie über Stamm bis Nation oder Ethnie funktioniert sie immer gleich: Das sind wir, und der Rest sind "die Anderen". Und das geht, vor allem auf den höheren Ebenen, sehr oft nicht unblutig aus.

    Die Lehre daraus: Identität kann nicht ohne Abgrenzung funktionieren. Mehr noch: diese Art von
    Weltanschauung, die aus dem Eigenen und dem Fremden besteht, kann als Instrument der Herrschaft eingesetzt werden. Totalitäre Regime machen bekanntlich nichts anderes, als die Gemeinschaft auf das Fremde zu hetzen und auf das noch so konstruierte Eigene einzuschwören.

    Für Daniel Sanin lag es daher auf der Hand, als nächstes zu Adorno und Horkheimer zu gehen. Als
    Hauptvertreter der Kritischen Theorie wurden die beiden in die USA geflohenen Deutschen vor allem
    für ihre Kritik an der "Kulturindustrie" bekannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg warnten sie vor den
    Effekten der Massenmedien, die sie mit Volksempfängern assoziierten. Tatsächlich wäre es naiv, kollektive Werte ohne den Einfluss von Hegemonien, von Medien in den Händen von Mächtigen sehen zu wollen.

    Weichtiere und Seifenblasen

    Nation, Ethnizität oder "Kultur" (wie in "Clash der Kulturen") bezeichnet der Autor dann auch als
    "kollektive Seifenblasen", wohl weil sie sich bei näherer Untersuchung als ebenso schillernd wie dünnhäutig erweisen. Das ist gleichzeitig auch ein Beispiel für die vielen lebendigen Formulierungen in dieser Diplomarbeit, an der von ihrem Betreuer neben der thematischen Tragweite vor allem auch die sprachliche Qualität hervorgehoben wird. In seiner Einleitung nennt Sanin den Identitätsbegriff ein "Weichtier", das es "aus der Reserve" zu locken gelte. Das ist zweifellos eine Leistung dieser Arbeit: Sie ist sich der "Weichheit" des Begriffes bewusst und ändert auch nichts daran, liefert aber eine Übersicht über seine Hintergründe. Diese kann zwangsläufig nicht vollständig sein, wird also je nach Standpunkt als "postmodern" oder auch eklektizistisch bezeichnet werden. Die transdisziplinäre Haltung erweist sich aber einem zeitgemäßen Verständnis des Identitätsbegriffes angemessen und liefert eine kompakte, gut recherchierte Beschreibung für alle, die sich mit den wichtigsten Grundlagen eines so zentralen Konzeptes vertraut machen wollen.

    Daniel Sanins Diplomarbeit "Zur Kritik des Identitätsbegriffs. Eine Analyse im Spannungsfeld von Subjektivität und Kollektivität" ist ist unter textfeld.ac.at im Volltext nachzulesen.

    Der Autor

    Daniel Sanin (1971), geboren in Bozen, 2002 Abschluss in Psychologie an der Universität Wien.
    Berufstätigkeiten als Spezialist für geschlechtersensible Pädagogik sowie in der Männerberatung; zur Zeit beschäftigt beim Institut für Suchtprävention der Sucht- und Drogenkoordination Wien.

    Der Rezensent

    Xaver Forthuber (1983) studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien, arbeitet als
    Fachtutor an der Universität Wien sowie als freier Autor und Journalist.






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