Bilderspuren aus dem Kosovo

9. Jänner 2009, 20:08
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Schreiben über den Krieg: Nach Lukas Bärfuss und Norbert Gstrein führt auch Anna Kims neuer Roman in die Kernzonen eines verwundeten Landes

Wenn sich die Literatur an schwere Kost heranwagt und dabei nicht allzu peinlich wird, dann werden sprachliche Fehltritte zuweilen mit erstaunlicher Nachsicht bedacht: siehe Ruanda, siehe Lukas Bärfuss' Hundert Tage. Endlich, heißt es dann, werde hier wieder eine Geschichte erzählt, und die leidgeprüften Welthaltigkeitsvermisser dürfen aufatmen, sind mit eigentümlichen Paraphrasierungen ("Liebe in Zeiten des Völkermordes") zur Hand.

Was aber, wenn sich ein einschlägiger Text dem Erzählen einer griffigen Geschichte verweigert, was, wenn eine Autorin ein Buch über den Kosovokonflikt vorlegt, deren Name ohnehin mehr für Formsinn denn für Suspense steht? Nicht, dass Anna Kim in ihrem jüngsten Roman Die gefrorene Zeit ohne Plot auskäme, aber der bildet bei Kim immer nur Fuge, nie Welt: Wien im Spätwinter 2005. Luan sucht Fahrie, seine Frau. Fahrie wurde 1998 im Kosovo verschleppt; dass Fahrie vermutlich tot ist, kann und will Luan nicht glauben. Am Ende wird er Fahrie gefunden und begraben haben und er selbst in den sogenannten Freitod gegangen sein.

"Gefrorene Zeit"

Erzählt wird aus der Ich-Perspektive Noras, einer Suchdienstmitarbeiterin, für die die Suche nach Fahrie zu einer Reise in die eigene Vergangenheit wird. Freilich ist das kein chronologisches, geschweige denn lineares Erzählen, vielmehr könnte man von einer kreisenden Suchbewegung sprechen, wie dies für Kims Debüt Die Bilderspur schon getan worden ist. Aber anders als dort fallen in der "gefrorenen Zeit" poetologische Konzeption und Handlungsmanifestation ineinander: "Du deutest, zeichnest ihren Körper in der Luft, hältst abrupt inne. Du seufzt, unterdrückt, kaum hörbar und doch. Zeigst an, dass es keine passenden Wörter mehr gibt, gleichzeitig suchst du, hangelst nach richtigen Sätzen."

Luan, der sich "weder erinnern noch vergessen" kann, ist paralysiert, droht der Sprache verlustig zu gehen. Jahre nach der Verschleppung seiner Frau trifft er in einem Wiener Büro des Suchdienstes des Roten Kreuzes auf Nora, die Ich-Erzählerin und unablässige Du-Anrednerin Luans. Anfangs noch abstinente Professionistin, wird Nora mehr und mehr zu Luans Gefährtin, für eine Weile zu seiner Geliebten vielleicht. Letzteres erfährt man nicht so genau - so wie das Angedeutete insgesamt das bestimmende Moment des Textes bleibt, auch wenn die Folie, vor der es verhandelt wird, sehr konkret ist: Mit journalistischer Sorgfalt hat Anna Kim Daten und Fakten, Mythen und Mären über den Kosovo zusammengetragen, und so liest sich denn Die gefrorene Zeit streckenweise wie eine akribisch recherchierte Reportage, deren Realitätsnähe freilich durch das Alternieren von Beschreibung und Reflexion, von Erinnerung und Erinnerungsverlust gebrochen wird.

Arrangierter Ehen

Es ist das hochfrequente Oszillieren zwischen inneren und äußeren Bildern, das permanente Vexieren derselben, das diesen Text antreibt, und wie beiläufig erfährt man eine ganze Menge über albanisch-kosovarische Geburts- und Bestattungsrituale, über halbfertige Häuser und hellblaue Sonnenschirme, archaisch anmutende Traditionen und die unverhofften Vorzüge arrangierter Ehen: "Verheiratet zu sein, bedeute großes Glück, nicht zuletzt deswegen, weil dies der einzige Weg sei, der Hierarchie der Sippe zu entkommen; ein eigenes Ritual zu finden, etwas Eigenes im Sippenwahnsinn, ein Versuch wert."

Etwas Eigenes finden, das will auch die Autorin, und es gelingt ihr zumeist. Es gelingt dort, wo sie in jenem Kim-Sound, den man von der Bilderspur her kennt, auch in diesem Buch ihre fiebrige Sensibilität für das Unaussprechliche und Unausgesprochene unter Beweis stellt. Es missglückt, wo sie über ihre eigene Ambition stolpert und die mäandernden Satzgeflechte und paradoxen Interventionen in kalauernde Redundanz münden. Ein paar "anwesende Abwesende" weniger hätten dem Text gut getan, und das nicht bloß, weil bemerkte Absicht verstimmt, sondern auch, weil bestimmte Stärken des Textes dadurch stellenweise verwässert werden: jene etwa, die Kims zweifellos großes Talent, über vermeintlich vertraute Sujets eben dieses "ganz Eigene" zu blenden, bezeugen.

Feindifferenzierung

Den inflationären Bilderfluten versucht Kim mit dem bitteren Zauber ihrer poetischen Gegenbilder beizukommen; weniger - und das ist entscheidend - als Gegengewicht, vielmehr, um die realen Bilder in ihr ursprüngliches Recht zu setzen: "Den Moment, der dich gefangen hält, den Augenblick der Ankunft im Kosovo, wirst du nur los, stellst du dir Unbekanntes vor, Autos auf fünf Rädern, Igel auf Zehenspitzen, Gespenster mit Sonnenbrillen."

Anna Kim hat einmal mehr ein bemerkenswertes Buch vorgelegt und ihr kompositorisches Verfahren, das neue Bilder generiert, zu veränderten Wahrnehmungsmustern zwingt, konsequent fortgeführt. Derlei neu(artig)e Bilder hat die Literatur bitter nötig - zumindest dann, wenn sie sich nicht endgültig mit affirmativer Weltvermessung begnügen, sondern ihren Anspruch auf potenziell subversiven Gehalt wahren will. Kims Text stellt Fragen, und so dringend diese einer Beantwortung bedürften, so beharrlich bleiben Baukastenlösungen aus. Am Ende einer solchen literarischen Feindifferenzierung bleiben 144 gelesene Seiten, verstörte Nachdenklichkeit und ein Unbehagen, aber auf Behaglichkeit ist es in der wahrhaftigen Literatur noch nie angekommen: "Die Pause bleibt, weil sie eine Leerstelle ist. Solange es keine wahren Worte gibt, muss diese Stelle ausgelassen bleiben." (Von Josef Bichler/DER STANDARD-Printausgabe, 10./11. Jänner 2009)

 

 

Anna Kim, "Die gefrorene Zeit". € 18,00 / 147 Seiten. Droschl, Graz 2008

  • Hangeln nach richtigen Sätzen: Anna Kim.
    foto: der standard/andy urban
    Foto: DER STANDARD/Andy Urban

    Hangeln nach richtigen Sätzen: Anna Kim.

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