Die Droge Menschheitsbeglückung

9. Jänner 2009, 19:49
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Der Philosoph Michail Ryklin gewinnt der alten These, wonach der Kommunismus eine Religion sei, einige neue, erhellende Aspekte ab

"Das 21. Jahrhundert wird ein Jahrhundert der Religion sein, oder es wird nicht sein", befand der französische Schriftsteller André Malraux, unter de Gaulle umtriebiger Kulturminister, apodiktisch. Die aktuelle Wiederkehr der Religion, in vielfältiger, überraschender Gestalt, ist unübersehbar. Die Religionen sind, so der Münchner Soziologe Ulrich Beck, offen verfügbar. "Ich glaube, was ich will", lautet das Prinzip. Die Rettung des Seelenheils wird zur privaten Heimwerkertätigkeit. Die Weltkirchen werden zu Baumärkten der Sinnsuche. Der Drang zur sozialen Individualisierung findet seinen Widerhall in einer Individualisierung des Verhältnisses zu Gott. Eben dieses unterscheidet unsere postideologische Zeit vom übersteigerten ideologischen 20. Jahrhundert. Denn was war das 20. Jahrhundert, wenn nicht Kampfzone von Atheisten und Gläubigen?

Darüber hat der Moskauer Philosoph Michail Ryklin einen instruktiven Essay geschrieben. Ryklin ist hierzulande seit den 1990ern als Korrespondent von Lettre International bekannt. Für Mit dem Recht des Stärkeren. Russische Kultur in Zeiten der "gelenkten Demokratie" wurde er 2007 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet, sehr zum Verdruss der Putin-Administration, deren Abgesandte sich über seine Preisrede empörten.

Lenins Gebote

In der ersten Sektion seines Buches beugt sich Ryklin sezierend über den Kommunismus als "säkulare Religion" (Raymond Aron), der Mittelteil setzt sich aus Porträts von Sowjetunion-Reisenden der 1930er Jahre zusammen - André Gide, Feuchtwanger, Brecht, Walter Benjamin -, die naiv und grotesk schwärmten oder desillusioniert zurückkehrten. Am Schluss schlägt er, nicht recht überzeugend, einen Bogen von der Historie zur Gegenwart des neuen autoritären Russland.

Am erhellendsten sind seine Ausführungen dort, wo er sich augenscheinlich am wohlsten fühlt, im ersten Kapitel. Die These vom Kommunismus als Religion ist keineswegs neu, allerdings so, wie sie Ryklin analytisch verknüpft ausbreitet, erhellend und überzeugend. Von Anfang an zielten die Bolschewisten auf eine Ersetzung des Glaubens ab, auf Kommunismus als diesseitiges Kirchensurrogat. Was tatkräftig umgesetzt wurde. Ryklin: "Lenins Gebote wurden auch nach seinem Tod strengstens befolgt. Was für atheistische Druckerzeugnisse kamen da nicht heraus - Revolution und Kirche, Der Gottlose, Der Antireligiöse, Der Gottlose an der Werkbank, Der Gottlose im Dorf oder Die jungen Gottlosen! 1932 erschienen zehn Zeitungen antireligiösen Inhalts und 23 antireligiöse Zeitschriften; parallel operierten die 'Gesellschaft der militanten Gottlosen' und der 'Antireligiöse Staatsverlag'."

Machtstreben

Zu pointillistisch gerät Ryklin das Panoptikum der intellektuellen "fellow travellers" als blinde oder verblendete Reisende durch die Sowjetunion. Gide und Bertrand Russell sind neben Arthur Koestler die einzigen Kritiker in seiner Auswahl - Russell schrieb schon 1920 scharf: "Die Marxisten begreifen nie ausreichend, dass Machtstreben ein ebenso starkes Motiv ist und eine ebenso große Quelle von Ungerechtigkeit wie die Liebe zum Geld." Dieses elegant geschriebene Büchlein ergänzt Gerd Koenens Der Russland-Komplex und Karl Schlögels 1937. Terror und Traum um eine interessante Stimme von innen. (Von Alexander Kluy/DER STANDARD-Printausgabe, 10./11. Jänner 2009)

 

Michail Ryklin, "Kommunismus als Religion. Die Intellektuellen und die Oktoberrevolution". Aus dem Russischen von Dirk und Elena Uffelmann.

€ 18,30 / 196 Seiten. Verlag der Weltreligionen, Frankfurt am Main 2008

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    Kommunismus als "säkulare Religion"

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