Lesen Sie Darwin!

9. Jänner 2009, 19:25
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An neuen Büchern über den großen Naturforscher herrscht am Beginn des Darwin-Jahres kein Mangel, doch auch der Jubilar selbst lohnt die Lektüre: Einige Empfehlungen

"Bisweilen will es mir erscheinen, als seien allgemeine und für jeden verständliche Abhandlungen für den Fortschritt der Wissenschaft von fast ebenso großer Bedeutung wie die eigentlichen grundlegenden Werke." Das schrieb Charles Darwin 1865 an Thomas Huxley, seinen großen Verteidiger, der für seine Dienste um die Evolutionstheorie sich den Spitznamen "Darwins Bulldogge" einhandelte.

Der Naturforscher selbst ging in Sachen Verständlichkeit mit bestem Beispiel voran und war selbst ein brillanter Stilist. Manche wie der russische Dichter Ossip Mandelstam würdigten Darwin auch als Schriftsteller, der - zumindest laut Mandelstam - die literarische Form selbst revolutionierte.

Grund genug, im Darwin-Jahr trotz der zahllosen Neuerscheinungen unter den Titeln "Darwin" und "Evolution" den Autor Darwin zu entdecken, was leider dadurch ein wenig erschwert wird, dass die meisten Übersetzungen von Darwins Werken noch aus dem 19. Jahrhundert stammen.

Wie wunderbar sich die Prosa des Naturforschers liest, wenn sie nur zeitgemäß übersetzt wird, kann man am besten in seinem ersten Buch nachlesen, dem wohl wichtigsten Reisebuch der modernen Naturwissenschaft. Eike Schönfeld hat Die Fahrt der Beagle (1839) vor zwei Jahren komplett neu übertragen, dazu gibt es ein Vorwort von Daniel Kehlmann - und das alles seit kurzem als wohlfeiles Taschenbuch.

Am meisten Darwin um wenig Geld gibt es beim Verlag Zweitausendeins, der die wichtigsten Werke Darwins bereits vor drei Jahren in einem einbändigen Ziegel herausgebracht hat. Auf 1370 eng bedruckten Seiten sind da neben dem Reisebericht noch Über die Entstehung der Arten (1859), Die Abstammung des Menschen (1871) und Der Ausdruck der Gemütsbewegungen (1872) versammelt - alle leider nach der heute etwas verstaubten Übersetzung von Julius Victor Carus.

Alles in allem schrieb Darwin zeit seines Lebens rund sechs Millionen Wörter, niedergelegt in - je nach Zählweise - 19 bis 33 Büchern, hunderten von wissenschaftlichen Aufsätzen und unzähligen Briefen mit insgesamt 2000 Briefpartnern. Eine kleine Auswahl der insgesamt 14.000 Briefe, die erhalten blieben, gibt es unter dem Titel "Nichts ist beständiger als der Wandel" nun erstmals auf Deutsch. Die Schriftstücke aus den Jahren zwischen 1822 und 1859 lassen das Bild eines überraschend spontanen Forschers und Privatmanns entstehen, der immer wieder begeistert über seine Erlebnisse und Entdeckungen berichtete.

Allerlei Brief-dokumente finden sich auch in der kürzlich wiederaufgelegten Autobiografie Mein Leben von Charles Darwin, die ursprünglich erst 1887, also fünf Jahre nach Darwins Tod, posthum erschien. Grund dafür waren vor allem die heftigen Auseinandersetzungen seiner Familienangehörigen insbesondere über jene Passagen des Textes, in denen es um religiöse Fragen geht und sich Darwin von seiner privaten Seite zeigt.

Ein besonders originelles Beispiel dafür sind Darwins Überlegungen zum Thema Heirat, die sich auch im höchst empfehlenswerten Darwin-Lesebuch finden, das von der jungen deutschen Darwin-Expertin Julia Voss klug kompiliert wurde. Die Historikerin und FAZ-Journalistin, die vor zwei Jahren mit einer tollen Studie über Darwins Bilder (dtv) Aufsehen erregte, hat auch Ausschnitte aus Darwins entlegeneren Texten versammelt und kundig kommentiert - so über die Befruchtung bei den Orchideen oder die Bildung der Ackererde. Darwin war ja, was gerne vergessen wird, einer der größten Regenwurmforscher überhaupt, der sich en détail mit Regenwurmkothaufen befasste.

Damit nicht genug, legte Voss bei Junius auch gleich noch eine sehr brauchbare Einführung in das Leben und Werk Darwins vor, in die auch neue Erkenntnisse der Wissenschaftsgeschichte eingearbeitet sind.

Wenn Sie unter den zahlreichen bereits Ende 2008 erschienenen Büchern mit "Darwin" im Titel nur ein einziges lesen wollen, dann greifen Sie am besten zu jenem von Jürgen Neffe (siehe Seite 3). Der vielfach ausgezeichnete deutsche Wissenschaftsjournalist ist für seine Recherchen unter anderem sieben Monate lang auf Darwins Spuren um die Welt gereist. Und so enthält Neffes Darwin drei Bücher in einem: eine Biografie des Naturforschers, eine Geschichte der Evolutionsforschung bis heute, und das alles in einem spannenden Reisebericht verpackt, in dem Neffe immer wieder den glänzenden Reiseschriftsteller Charles Darwin selbst zu Wort kommen lässt. (tasch//DER STANDARD, Printausgabe, 10./11. 1. 2009)

Charles Darwin, "Die Fahrt der Beagle". Aus dem Englischen von Eike Schönfeld. Mit einem Vorwort von Daniel Kehlmann. € 13,30 / 687 Seiten. Fischer TB, 2009

Charles Darwin, "Gesammelte Werke in einem Band". Aus dem Englischen nach den Erstübersetzungen von Julius Victor Carus. € 7,99 / 1370 Seiten, Zweitausendeins, 2006 (zu bestellen bei www.zweitausendeins.de)

Charles Darwin, "Nichts ist beständiger als der Wandel". Briefe 1822-1859. € 37,10 / 412 Seiten. Insel, 2008

Charles Darwin, "Mein Leben. Die vollständige Autobiografie". Aus dem Englischen von Christa Krüger. Mit einem Vorwort von Ernst Mayr. € 10,30 / 279 Seiten. Insel TB, 2008

Julia Voss (Hg.), "Charles Darwin. Das Lesebuch". € 12,40 / 512 Seiten. S. Fischer, 2008

Julia Voss, "Charles Darwin zur Einführung." € 14,30 / 215 Seiten. Junius, 2008

Jürgen Neffe, "Darwin. Das Abenteuer des Lebens". € 23,60 / 527 Seiten. Bertelsmann, 2008

 

 

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