Der Ofen

9. Jänner 2009, 18:57
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Mit der Kraft einer Milliarde Festmeter Holz

Im Südosten Europas, wo der russisch-ukrainische Gaslieferstopp tatsächlich zum Endverbraucher durchschlug, gewann die elementare Funktionalität eines Holzofens schlagartig wieder an Wert. Wer in Sarajewo keinen mehr hatte und die sonst gasbeheizte Wohnung über dem Gefrierpunkt halten wollte, musste sich in den Kaufhäusern um Elektroheizgeräte rangeln.

Österreich und Westeuropa blieben zwar verschont. Unsicherheit sei aber dennoch zu spüren, meint etwa Wolfgang Ivancsics, Bundesinnungsmeister der Hafner, angesichts der Krise. Für ihn führt der Trend klarerweise zu Herd, Kachel- und Kaminofen als Absicherung, falls das Gas ausbleibt oder das Öl zu teuer wird.

Der Zusammenfall von Kältewelle und (drohendem) Ausfall des Hauptheizungsmittels brachte alternative und traditionelle Heizformen jedenfalls wieder in Erinnerung. Ob Pelletsheizung (gepresste Sägespäne) oder der alte, vielleicht noch im Keller stehende Schamottofen (Schamott bezeichnet das wärmespeichernde Keramikmaterial), Elektroheizgerät oder Bioethanol-Heizung (mit Alkohol, ohne Rauchfang): Produzenten und Interessenverbände versuchen sich in Erinnerung zu bringen, solange die Medien erinnern, wie flüchtig Erdgas tatsächlich ist.

Notkamine

Der Österreichische Kachelofenverband etwa witterte die Gunst der Stunde und verkündet "Verbraucher stellen auf Holz um" und bewirbt eine Milliarde Festmeter Holzvorrat in Österreich. Die Rauchfangkehrerinnung beruhigt mit der Nachricht, dass in fast allen Häusern Notkamine eingebaut sind. 955.000 Haushalte in Österreich werden mit Gas beheizt.

Der eigene Herd war in Zeiten der Industrialisierung und der Verstädterung im 19. Jahrhundert, damals biedermeierliche Eisenöfen, Gold wert. Wenn man den eigenen Herd in Ressourcen-Sicherheit umdeutet, ist das Sprichwort wieder aktuell. Eine ökoorientierte Wohlstandsgesellschaft brachte neben schicken Designer-Cheminées auch antiquierte Heizgeräte wieder zu schmuckvollen Ehren: Die barocke Kunst der Kachelöfen traf das Ideal moderner Architektur, die sich der Wärmespender als Einrichtungsgegenstand besann. Zwischen 6000 und 15.000 Euro muss man heute für einen Kachelofen aufbringen.

Ganz ungefährlich ist der gute alte Ofen aber auch nicht: Ein 50-Jähriger, der beim Nachheizen seinen Jogginganzug anzündete, und drei Männer, die bei der Explosion eines Ferienhauses durch einen selbst zusammengepfuschtem Kachelofen ums Leben kamen, sind jüngste, tragische Beispiele. (Alois Pumhösel, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11.1.2009)

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