"Der Neoliberalismus wird nützen - noch lange"

9. Jänner 2009, 18:14
263 Postings

Unternehmer und Ex-ABB-Chef Klaus Woltron warnt im davor, Spekulationsauswüchse für eine kapitalismusspezifische Krankheit zu halten

Der Ex-ABB-Chef plädiert aber für strenge Regeln und Kontrollen. Gefragt hat Renate Graber.

STANDARD: Sie waren Manager in vielen Teilen der Welt; spätestens an der jetzigen Wirtschaftskrise sieht man, wie vernetzt die Welt heute ist. Haben die Globalisierungsgegner mit ihrer Kritik doch recht?

Woltron: Die Globalisierungsgegner haben recht – jedenfalls mit ihrer Kritik am Kasino-Auswuchs der Globalisierung. Sie haben aber überhaupt nicht recht, wenn sie den Kapitaltransfer kritisieren, so lange der nicht spekulativ ist, denn dieser Transfer hat zum materiellen Wohlstand auf der Welt extrem viel beigetragen. Spekulationsblasen mit den ihnen folgenden Ernüchterungen gab es seit der Tulpenkrise 1650 immer wieder.

STANDARD: Und immer wieder wird die Welt davon überrascht.

Woltron: Ja, weil die zwei Generationen dazwischen es wieder vergessen. Aber noch einmal: Die Kasino-Auswüchse im Kapitalismus haben mit der Globalisierung nichts zu tun, die Spekulationsauswüchse sind keine kapitalismusspezifische Krankheit. Solche Blasen sind eine Krankheit, die man nicht dazu benützen darf, unser gesamtes Wirtschaftssystem zu verteufeln; das wäre ein großer Fehler. Als sagte man, der Mensch ist nichts wert, weil er ab und zu Krebs bekommt. Die Kapitalströme verbreiten sich mit Lichtgeschwindigkeit über denGlobus, der Kapitalaustausch ist unentbehrlich für die Weltwirtschaft – und daher ist das Kasino nun auch globalisiert. Dadurch ist der Schaden, nämlich, dass die Bank geknackt ist, gewaltig. Das, was in New York passierte, hat weit weg, etwa auf den Seychellen, zu einer Bombeninflation geführt, Brot und Butter wurden 40 Prozent teurer.

STANDARD: Sie sagen, der Kapitalismus sei an seine Grenzen gestoßen. Wo stehen wir somit?

Woltron: Die Menschheit ist an ihre Grenzen gestoßen. Meines Erachtens nach ist die jetzige Form des organisierten Wettbewerbs das effizienteste Ausbeutungssystem für die Natur. Wir haben viele Grenzen überwunden, geografische, technische, medizinische, aber jetzt stehen wir an.

STANDARD: Wer ist schuld daran?

Woltron: Schuld sind die, die sich jetzt am meisten aufregen: Die Regierungen, die jetzt gescheit tun, aber es vorher verabsäumt haben, entsprechende Regulative aufzustellen. Dafür hätten wir all diese Leute nämlich, unsere Finanzminister, aber auch Alain Greenspan.

STANDARD: Was tun?

Woltron: Wenn es uns gelingt, die Wirtschaft so auf Touren zu bringe, dass das Wachstum 2,5 bis 3,5 Prozent beträgt, um das fiskalische System im Gleichgewicht zu halten, dann wird die Maschine wieder funktionieren. Aber dann haben wir das viel größere Problem, nämlich, dass wir damit die Lebensgrundlagen unserer Nachfahren eindeutig reduzieren.

STANDARD: Wie kommt man aus dem Dilemma wieder heraus? Die Wirtschaft muss wachsen, aber das geht auf Kosten unserer Kinder und Kindeskinder?

Woltron: Schwierig. Es wird notwendig sein, einen Algorithmus für die Ökonomie zu finden, der eine Synchronisierung mit den Notwendigkeiten und Zwängen der Biologie herbeiführt. Das wird nur gehen, indem wir unser gesamtes Aktivitätsniveau absenken.

STANDARD: Auch die wirtschaftliche Aktivitäten?

Woltron: Ja. Es ist nämlich ganz einfach alles nur begrenzt vorhanden auf der Welt, nehmen Sie nur das Öl. Lange bevor die Zwänge des Mangels sich materialisieren, bemächtigen sich die Gescheiten und Mächtigen der Rohstoffe, das war schon immer so.

STANDARD: Was kommt also nach dem Neoliberalismus?

Woltron: Auch da muss man gedankentreu sein. Das Gedankengut der wirklichen Neoliberalen, der Ordoliberalen also, ist nicht schlecht: Möglichst großer Freiheitsgrad für den Einzelnen, aber unter Vorgabe sehr strikter Regeln, die auch kontrolliert werden.

STANDARD: An der Kontrolle hat es aber gemangelt?

Woltron: Genau. Macht doch jeder, was er will. Schauen Sie doch nur unsere Kaffeeröster an, die auf ihren Yachten mit ihren Ex-Finanzministern herumfahren, während Anleger ihr Geld verloren. In den USA ginge das nicht.

STANDARD: Jetzt rufen alle den Staat, die Banken holen Geld von ihm. Wie passt das zum Kapitalismus?

Woltron: Wenn dieses Paket greift, wenn die Banken dem Staat Zinsen von neun Prozent zahlen, dann wird der Staat in ein paar Jahren sein Geld wieder zurückhaben. Ich glaube aber, dass das so nicht geschehen wird. Und dann haben wir die Blödheiten und Spekulationen von einigen Tausenden durch die Hingabe des Geldes von etlichen Millionen refinanziert, einen Teil dieser Verluste sozialisiert.

STANDARD: Sie schreiben in Ihrem demnächst erscheinenden Buch, es müsse zu einer "Perestroika des Kapitalismus" kommen. Wie stellt man sich die vor, was kommt danach?

Woltron: Diese Perestroika wird nicht zu einem neuen System führen. Es geht darum, dass in einem an sich funktionierenden ökonomischen System Dinge aus dem Ruder gelaufen sind, entgegen jeder Vernunft, weil die Regeln fehlten. Wenn wir die Auswüchse der Hedgefonds, der bestochenen Ratingagenturen, der computergestützten Spekulationsmaschinerie auf vernünftig geregelte Systeme zurückführen, wird der Neoliberalismus der Menschheit ökonomisch nützen – noch lange. Es wird aber nichts daran ändern, dass wir nur einen Planeten mit 6370 Kilometern Durchmesser haben. Dessen Ausbeutung wird immer wieder zu ökologischen Krisen führen. In dieser Schere sind wir: Wenn wir das eine reparieren, bricht uns das andere zusammen.

STANDARD: Welchen Ausweg gibt es?

Woltron: Viele kleine, genau aufeinander abgestimmte Schritte. Was deren aktuelle Umsetzbarkeit anlangt, bin ich aber skeptisch. Was haben wir denn gemacht nach der ersten Ölkrise? Dickere Pipelines gebaut. Aber ich bin trotzdem sicher, dass man die Ökonomie mit der Ökologie weitgehend synchronisieren kann. Wir müssen diesen Plan B fertig haben und verbreiten, damit wir ihn, wenn alles kracht, endlich, endlich umsetzen.

STANDARD: Es kracht doch gerade.

Woltron: Aber nein, noch leben wir im Paradies. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11.1.2009)

Zur Person

Klaus Woltron (63) hat nach dem Montanistikstudium bei Schoeller-Bleckmann begonnen, war für Siemens in Brasilien, wurde 1985 Chef von Simmering Graz Pauker, 1989 der ABB. 1994 machte er sich mit der Minas-Gruppe selbstständig.

  • Klaus Woltron, Unternehmer, plädiert für eine Art ökologischen
Kapitalismus mit strengen Regeln und effizienten Kontrollen.
    foto: standard/hendrich

    Klaus Woltron, Unternehmer, plädiert für eine Art ökologischen Kapitalismus mit strengen Regeln und effizienten Kontrollen.

Share if you care.