Mythos Turnschuh

11. Jänner 2009, 17:57
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Katharina Weingartners neue Doku "Sneaker Stories" zeigt die globale Reichweite von US- Kulturmaschinen wie dem Basketball-HipHop-Sneaker-Komplex

"Trainieren mit fünf Kebabs im Bauch ...". Die Verachtung für seine Kumpels ist Adrian, dem 17-jährigen Streetballer ins Gesicht geschrieben. Er trainiert täglich mehrere Stunden, um seinem Ziel Profi-Basketballer zu werden, näher zu kommen. Seine Freunde hingegen haben noch Muße und Zeit für Grillereien, Ausgehen, Zigaretten und Alkohol, was für den ehrgeizigen Adrian unbegreiflich ist. Beim öffentlichen Basketball-"Käfig" am Wiener Margaretengürtel trifft sich die migrantische Community beinahe täglich, um sich aneinander im Spiel zu messen, doch Adrians Pläne zielen weiter, genauer gesagt bis in die US-amerikanische Profi-Liga, die NBA.

Egal, wie unrealistisch dieses Ziel vor allem in einem Land wie Österreich klingen mag - angefeuert werden solche Träume über die dazu passende Kultur: AND1-Mixtapes im Videorekorder, HipHop im Kopfhörer und Nike-Sneakers an den Füßen helfen über den grauen, nüchternen Alltag in Wien hinweg. In Katharina Weingartners neuem Kinofilm "Sneaker Stories" werden die wärmenden Strahlen der glamourösen amerikanischen Basketball-Kultur über den ganzen Globus verfolgt. Nicht nur in Wien träumen Jugendliche von der großen Profi-Karriere, auch in Ghana leuchtet der Stern von Kobe Bryant oder Allen Iverson aufreizend hell. Während in Wien der coole Turnschuh durch längeres Sparen vielleicht noch bezahlbar ist, müssten die Kids in Accra für einen Nike Schuh schon ein ganzes Monatsgehalt hinblättern. So verwandeln sich Träume in Fantasien.

Drei Orte - drei Szenen

In vierjähriger Arbeit hat Weingartner an drei Orten mit Jugendlichen gearbeitet, die sich von Basketball die Erfüllung ihrer Lebensträume erwarten. In Wien, wo die männlichen Einwandererkinder aus Osteuropa und Ex-Jugoslawien unter sich bleiben, in den ghettoartigen Wohngegenden von Brooklyn, wo Streetball-Turniere Familienfest-Charakter haben und in Accra (Ghana), wo Mädchen und Jungen ihre Bälle gleichberechtigt in die Körbe werfen.

In allen drei Kontinenten sind es sozial benachteiligte Gruppen, die sich mit der Basketball-Kultur identifizieren. Die Afro-Amerikaner in den USA, die Migranten-Kids in Wien, die Slum-BewohnerInnen von Accra eint trotz der großen ökonomischen und sozialen Unterschiede der Fokus auf die Basketball-Karriere.

Verzicht auf Kommentierung

Verzichtet hat Weingartner dabei weitestgehend auf Kommentierung aus dem Off. Die ProtagonistInnen sollen selbst für sich sprechen, lautet der dezitiert politische Anspruch von Weingartner an ihre dritte Film-Regiearbeit. Die Frage, wie eine Dokumentation mit soziologischen oder kulturwissenschaftlichen Ansichten über Marginalisierte umgehen kann, wird demnach auch in "Sneaker Stories" zum Thema: Mit der Konsequenz, dass die Hintergründe zur Macht von Firmen wie Nike, die mit ihren Werbekampagnen Images aus der Szene absaugen, aber, so der Vorwurf, zuwenig Unterstützung an die großteils verarmte afro-amerikanische Community zurückgeben, zum Beispiel fehlen. Verständnisprobleme für Nicht-InsiderInnen sind vorprogrammiert.

Weingartner nimmt dies sympathischerweise in Kauf. Allerdings gilt es auch zu bedenken, dass das Problem des "Sprechens-Über" in einem Dokumentarfilm immer nur graduell gelöst werden kann aber niemals grundsätzlich. Schließlich gibt ja auch der inhaltliche Fokus und die formale Auflösung einen Rahmen vor, dem sich die ProtagonistInnen eines Films unterordnen müssen. Im Fall von "Sneaker Stories" kann so die Bedeutung mancher Aussagen vielleicht nicht immer wie erwünscht gelesen werden. (freu, dieStandard.at, 11.1.2009)

Sneaker Stories
Kino-Dokumentarfilm, 95 min.,
Regie: Katharina Weingartner

ab 16. Jänner 2009 im Kino

  • Artikelbild
    foto: pooldoks/markus wailand
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