Widersprüche im Fall Mannichl

11. Jänner 2009, 12:57
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Hat wirklich ein Neonazi den Passauer Polizeichef brutal niedergestochen? Knapp vier Wochen danach wird das von Ermittlern infrage gestellt. Das zuständige Gericht widerspricht den Zweiflern

Passau/Berlin - Der Druck auf das bayerische Landeskriminalamt (LKA) wächst jeden Tag. Am 13. Dezember war der Passauer Polizeichef von einem Unbekannten an der Haustür seines Privathauses in Fürstenzell niedergestochen worden. Doch einen Monat nach der Tat hat das 50-köpfige Ermittlerteam zwar unzählige Hinweise überprüft, Fahndungserfolg kann es aber noch keinen vorweisen. Mittlerweile werden auch Zweifel laut, ob der Anschlag auf Alois Mannichl tatsächlich einen rechtsradikalen Hintergrund hatte - oder womöglich ganz andere Gründe.

"Irgendwas passt da nicht zusammen" - mit diesen Worten zitiert die Süddeutsche Zeitung einen Ermittler. Mannichl war mit einem Messer aus seinem eigenen Haushalt niedergestochen worden. Dieses soll - gemäß einem alten Adventbrauch - vor der Haustür gelegen haben, damit Besucher Lebkuchen abschneiden können.

Nun fragt man sich aber in Ermittlerkreisen, woher der Täter gewusst hat, dass das Küchenmesser dort offenbar griffbereit lag. Sollte er (oder sie) es dort zufällig entdeckt haben, dann müssten Mannichl und der Angreifer länger miteinander geredet haben. Das aber bestreitet der Polizeichef. „Ein solches Setting spricht für eine Beziehungstat", meint ein Ermittler.

Dieser Vermutung widersprach am Freitag der leitende Passauer Oberstaatsanwalt Helmut Walch: Zwar seien Briefe aufgetaucht, die den Fall als Familiendrama darstellten, doch diese seien mit einem nicht authentischen Polizei-Logo versehen - und somit „schlichtweg gefälscht".

Die Fahnder rätseln außerdem über das Aussehen des Täters. 1,90 Meter groß, Glatze, rundes Gesicht. So hat ihn Mannichl beschrieben. Eine Zeugin aus der Nachbarschaft sprach noch von auffälligen Tätowierungen (Schlange hinter dem Ohr, Kreuz im Gesicht). Doch bis jetzt hat sich kein Bild eines solchen Mannes in den Dateien der deutschen, österreichischen und tschechischen Polizei und des Verfassungsschutzes gefunden.

Auf rechte Szene festgelegt

LKA-Ermittler beklagen auch, dass die Passauer Polizei, die ja zunächst ermittelte, das private Umfeld Mannichls aussparte. Anstatt „von innen nach außen" zu recherchieren, hätten sich die Kollegen sofort auf einen rechtsradikalen Hintergrund festgelegt, die erwachsenen Kinder Mannichls seien erst vor wenigen Tagen befragt worden. „Wir haben es schließlich mit unserem Chef zu tun", hieß es bei der Polizei.

Oberösterreichs Sicherheitschef Alois Lißl hält einen rechtsextremen Hintergrund für die Tat für plausibel. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass das aus dieser Ecke kommt", sagt er zum Standard. Er erinnert an zwei Messerattentate im Jahr 2008 in Oberösterreich. Weder im Fall des Arztes, der vor dem Wagner-Jauregg-Krankenhaus niedergestochen wurde, noch im Fall der beiden Drogenkranken, die in einer Linzer Wohnung erstochen wurden, gebe es Spuren.

In der Causa unterstützen oberösterreichische Beamte das bayerische LKA weiterhin auf Anfrage, etwa beim Abgleich von Personendaten. Laut Mannichl hat der Täter vielleicht mit oberösterreichischem Akzent gesprochen. (Birgit Baumann/DER STANDARD-Printausgabe, 10.1.2009)

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