Lichtblitz gegen Tumor

11. Jänner 2009, 18:25
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Gehirntumor ist eine Diagnose, die nur sehr schwer zu verkraften ist - Doch ein Todesurteil ist die Krankheit nicht mehr - Mit Operation, Bestrahlung und Chemotherapie wird die Lebenszeit verlängert

Gehirntumore sind heimtückisch. Oft schlummern sie schmerz- und symptomfrei und machen sich erst dann bemerkbar, wenn sie lebenswichtige Strukturen angreifen. Da es im Gehirn viele verschiedene Zellarten gibt und theoretisch fast jede davon betroffen sein kann, gibt es viele Formen von Gehirntumoren. Rund 160 davon sind bekannt, der überwiegende Teil entsteht aus Gliazellen, dem Stützgewebe im Gehirn. In Österreich sind rund 600 Menschen jährlich betroffen, viele davon auch Kinder. Werden Tumore im Gehirn erst spät entdeckt, ist an eine Heilung oft nicht mehr zu denken.

Tumor eintfernen nicht um jeden Preis

"Natürlich ist es das Ziel jedes Neurochirurgen, einen Gehirntumor vollständig zu entfernen. Allerdings nicht um jeden Preis, denn was für den Patienten primär zählt, ist das neurologische Ergebnis nach einer Operation", sagt Frank Unger, Neurologe und Neurochirurg an der Medizinischen Universität in Graz. Dabei spielt die Frage, ob ein Gehirntumor histologisch betrachtet gut- oder bösartig ist, eine untergeordnete Rolle. Denn ein gutartiges Meningenom im Gehirn ist nicht unbedingt heilbar, dafür gibt es beim bösartiges Medulloblastom nach maximaler Therapie heute schon relativ gute Chancen. Viel entscheidender für die Therapieaussichten ist die Lage und die Ausdehnung eines Gehirntumors.

Radiologen und Nuklearmediziner liefern die genauen Details. Mithilfe der Computertomografie und der Magnetresonanzuntersuchung werden hoch aufgelöste Bilder vom Kopf des Patienten angefertigt. Der Tumor wird mit radioaktiven Substanzen markiert.

Den offenen Kampf mit der Geschwulst führt dann aber der Neurochirurg. Dazu braucht er viel Know-how und Erfahrung bei der Entfernung von Tumorgewebe, um die sensible Umgebung nicht zu verletzen. Eine große Verantwortung, denn ein kleiner Fehler während der Operation kann mitunter gravierende Folgen haben.

Operationsmethoden

Präzision ist deshalb oberstes Gebot für den Neurochirurgen, doch auch das Gamma-Knife ist ein Meister der Genauigkeit. Als Alternative zum Skalpell operiert es ganz und gar unblutig mit Strahlung. Der Patient selbst ist dabei hellwach. Sein Schädel fest in einem Metallrahmen fixiert, denn das "Strahlenmesser" darf sein Ziel unter keinen Umständen verfehlen. 201 radioaktive Kobalt-60-Quellen verschicken Fotonenstrahlen. Im Tumor treffen sich diese gebündelt auf einen Punkt. Vorteil dieser Methode: Das angrenzende gesunde Gewebe wird optimal geschont. Vor allem in der Behandlung von Hirnmetastasen, den relativ kleinen, gut abgegrenzten Tochtergeschwülsten anderer bösartiger Erkrankungen, ist das Gamma-Knife in seiner Exaktheit unübertroffen.

Eine einmalige hohe Strahlendosis kann schon genügen, um eine Metastase zu zerstören. Die Therapie ist schmerzlos, und der Patient ist im Anschluss schnell wieder fit.

"Aber leider kann auch das Gamma-Knife nicht alles", bedauert Unger, der in Graz seit 2007 das Gamma-Knife-Team leitet. Je mehr Metastasen und je größer der Tumor, umso mehr stößt die Methode an ihre Grenzen. Mit zunehmender Tumormasse steigt auch das Risiko, dass Patienten durch die Behandlung eine Hirnschwellung oder eine bleibende Hirnnervenschädigung davontragen. Üblicherweise werden deshalb maximal drei Metastasen in einer Sitzung bestrahlt. Der maximale Metastasendurchmesser sollte drei Zentimeter nicht überschreiten.

Beim gefürchtetsten aller Hirntumore, dem Glioblastom, ist Präzision allerdings nicht das primäre Thema. "Dieser bösartige Tumor breitet sich im Gehirn so diffus aus, wie der Schimmel im Brot", sagt Unger. Die Prognosen für diese Erkrankung sind deshalb in der Tat denkbar schlecht. Nur 26 Prozent der Erkrankten überleben zwei Jahre nach Diagnosestellung. "Das Glioblastom ist unheilbar, aber wir behandeln Menschen, die seit 15 Jahren damit leben", sagt Christine Marosi, Onkologin an der Abteilung für Innere Medizin I der Medizinischen Universität in Wien, und macht Betroffenen damit auch Hoffnung.

Bessere Betreuung

Zwar lässt sich dieser Tumor weder offen noch mit dem Gamma- Knife zur Gänze entfernen, doch kann die Kombination aus Operation, Strahlentherapie und anschließender Chemotherapie den Patienten einen beträchtlichen Lebenszeitgewinn bringen.

Die Diagnose Hirntumor ist hart, aber kein unmittelbares Todes- urteil mehr. Bedauerlicherweise, so Marosi, betrachten österreichische Sozialversicherungsträger das nach wie vor anders. Wenn die nämlich wüssten, dass Hirntumorpatienten heute auch Jahre überleben, dann würden sie diese Menschen mit adäquaten Rehabilitationsmodellen und geschützten Arbeitsbereichen ganz sicher unterstützen. (Regina Philipp, DER STANDARD, Printausgabe, 12.1.2009)

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    Neuroonkologisch relevant: Wo genau liegt der Tumor?

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