"Feigheit der Großmächte"

9. Jänner 2009, 13:13
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taz: "Bei Luftangriffen wurden ganze Straßenzüge dem Erdboden gleichgemacht"

Zürich/Berlin - Mit dem Gazakrieg und der fragwürdigen Vermittlerrolle Ägyptens befassen sich am Freitag internationale Pressekommentatoren:

"Tages-Anzeiger" (Zürich):

"Mit der einseitigen Unterstützung der Fatah hat Ägypten seine unangefochtene Rolle als Vermittler unter den Palästinensern eingebüßt. Hamas wird darauf drängen, dass andere arabische Länder mit einbezogen werden. Allen voran Katar, dessen Emir Scheich Khalifa in den letzten Tagen die deutlichsten Worte gesprochen hat. Khalifa hat sich zudem durch seine erfolgreiche Vermittlung im Libanon weit herum Respekt verschafft. Bevor Kairo aber einer internationalen Kontrolle der Grenze zwischen Ägypten und Gaza zustimmt, wird Präsident Hosni Mubarak sicher noch versuchen, die Beschränkungen aus dem Friedensvertrag von Camp David aufzuweichen. Dieser erlaubt nur die Stationierung von wenigen Hundert leicht bewaffneten Soldaten entlang der langen porösen Grenze mit Israel. Israel hat eine Aufstockung bisher abgelehnt, obwohl Kairo schon mehrmals darauf gedrängt hat, und zwar genau mit der Begründung, diese Mannschaftsstärke sei nicht ausreichend, um die Grenze zu sichern und den Schmuggel zu unterbinden. Die USA haben sich bisher zudem geweigert, Ägypten sensible elektronische Hilfsmittel zu liefern, um diese Aufgabe zu unterstützen."

"die tageszeitung" (taz) (Berlin):

"Israels Regierung und Armee sind in den nunmehr 13 Kriegstagen nicht müde geworden, nahezu gebetsmühlenartig zu betonen, dass der Angriff auf Gaza sich nicht gegen die palästinensische Zivilbevölkerung richte. Doch die Glaubwürdigkeit dieses Sermons ist durch eine Vielzahl von Ereignissen schwer erschüttert. Deutlich vor dem Ende der dreistündigen Waffenruhe wurde am Donnerstag erstmals ein UN-Lastwagen mit Hilfslieferungen von der israelischen Armee beschossen. Bei dem Angriff kam der Fahrer ums Leben. Schon zuvor hatte der Artilleriebeschuss der UNRWA-Schule im Flüchtlingslager Jabalia am Dienstag mit mehr als 40 Toten ernste Zweifel geweckt, ob die israelischen Erklärungen für bare Münze zu nehmen sind. (...) Auch die Angriffe von Donnerstag legen den Verdacht nahe, dass Israels Armee inzwischen auch Wohnhäuser im Grenzgebiet zu Ägypten zur Infrastruktur der Hamas zählt. Jedenfalls wurden bei zahlreichen Luftangriffen ganze Straßenzüge dem Erdboden gleichgemacht."

"Les Dernières Nouvelles d'Alsace" (Straßburg):

"Jeder vernünftige Mensch kann angesichts der Ereignisse im Gazastreifen nur mit Empörung reagieren. Mit Empörung über Hunderte von Todesopfern, unter ihnen ebenso viele Kinder und Frauen wie Kämpfer. Und mit Entrüstung angesichts des Fanatismus all derer, die die Bevölkerung als Geisel nehmen oder als menschliche Schutzschilder missbrauchen. Aber auch mit ohnmächtigem Zorn angesichts der Feigheit der Großmächte. (...) Dabei weiß jeder längst, dass die Nahost-Region ohne Eingreifen des Auslands, ohne Druck mit allen wirtschaftlichen Mitteln, für immer ein Pulverfass bleiben wird. Und dass die Lunte ständig brennt." (APA/AFP/dpa)

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