"Gas strömt nicht auf Knopfdruck aus der Pipeline"

8. Jänner 2009, 19:34
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Wenn Mitarbeiter des russischen Gasmonopolisten Gasprom nach Beilegung des Streits mit der Ukraine den Gashahn wieder ganz aufdrehen, wird einige Zeit vergehen, bis am Ende der Leitung das Gas auch ankommt. "Gas strömt nicht auf Knopfdruck aus der Pipeline", sagte Wilhelm Brandstätter, Professor an der Montanuniversität Leoben, dem StTANDARD.

Je nachdem, wie stark komprimiert das Gas durch das Leitungssystem geschickt werde, lege das meist im hohen Norden Sibiriens geförderte Gas ein bis 20 Meter in der Sekunde zurück. Von Nowy Urengoy, einem Fördergebiet weit hinter dem Polarkreis, dauert es in der Regel fünf Tage, bis das Gas an der österreichischen Übernahmestelle in Baumgarten im Marchfeld ankommt. Der Weg ist freilich lang: gut 5000 Kilometer kreuz und quer durch Russland, dann durch die Ukraine und die Slowakei bis zur österreichischen Grenze.

Brandstätter wies darauf hin, dass in den Pipelines, durch die seit Dienstagnacht kein Gas mehr geschickt wird, noch Mengen von Restgas vorhanden seien. Ängste, wonach das Pipelinesystem durch den Gaslieferstopp Schaden nehmen könne, teilt der Experte der Montanuniversität Leoben nicht. "Es kommt ja nichts rein, was die Leitungen korrodieren lassen könnte", sagte Brandstätter.

Probleme mit Turbinen

Eine zeitliche Verzögerung bei der Wiederaufnahme der Gaslieferungen könnte sich wegen der Verdichtungsstationen ergeben, die zum Druckaufbau entlang den Pipelines in regelmäßigen Abständen stehen. Um die Turbinen dieser Kompressorstationen betriebsbereit zu halten, müssten diese vorgewärmt werden - bei Temperaturen von 20 Grad unter null oder noch mehr kein einfaches Unterfangen. Auch Öl müsse warm gemacht werden, das zum Schmieren der Pumpen benötigt wird.

Im Winter kommt generell weniger Gas auf dem Pipelineweg nach Europa, da Russland gerade in der kalten Jahreszeit einen deutlich höheren Eigenverbrauch als im Sommer hat. Umgekehrt strömt im Regelfall das meiste Gas im Sommer Richtung Europa und wird in Gasspeichern gebunkert. In Österreich sind die Speicher noch zu rund 60 Prozent gefüllt, was nach Angaben der E-Control drei Monate zur Versorgung zumindest der Haushalte reichen sollte. (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.1.1.2009)

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