Ansturm auf Heizstrahler in Sarajewo

8. Jänner 2009, 19:22
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Bosnien-Herzegowina verfügt über keine Gasreserven. In Sarajewo und anderen Städten sitzen die Menschen in kalten Wohnungen

Bosnien-Herzegowina verfügt über keine Gasreserven. In Sarajewo und anderen Städten sitzen die Menschen in kalten Wohnungen. Schulen sperren zu, und in manchen Bäckereien wird kein Brot mehr gebacken.

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Sarajewo - Enisa dachte zuerst: Die spinnen alle. Ihre Freundinnen und ihre Mutter hatten sie angerufen und ihr gesagt, dass ihr bald sehr kalt werden würde. Doch als der Gaszähler am Dienstag tatsächlich stillstand, ging auch die 27-jährige Frau aus Sarajewo in das Kaufhaus Robot, um einen Heizstrahler zu kaufen. "In der Elektroabteilung waren etwa 300 Leute", erzählt sie dem Standard. "Drei Typen haben Wache geschoben. Größere Männer haben zuerst die Öfen bekommen. Eine Italienerin ist in Panik geraten, als sie einem Mann den Strahler aus der Hand gerissen hat, und dieser sie dann schubste."

Stromnetz überlastet

Enisa Bajriæ selbst konnte keinen Elektroofen mehr ergattern. "In meiner Wohnung ist es etwa so kalt wie draußen, unter null." Sie schläft in Pullover und Schlafsack und hofft, dass ihr Freunde aus Zenica einen Heizkörper bringen. Im Altstadtbasar von Sarajewo, der Bascarsija kosten die Öferln, die so groß sind wie Toaster, schon 50 Mark (25 Euro). Weil alle, die können, mit Strom heizen, war am Mittwoch schon für Stunden das Netz wegen Überlastung ausgefallen. Die Stromgesellschaft sieht zwar "die Stabilität der Stromverteilung nicht gefährdet", ruft aber alle Verbraucher auf, den Strom mit Bedacht einzusetzen.

Viele Bewohner Sarajewos fühlten sich an den Kriegswinter von 1993 erinnert. "Damals mussten wir aber bei Nacht heimlich in die Wälder und Parks gehen, um einige Bäume zu fällen. Heute können wir gelassen Holz- oder Elektroöfen kaufen", sagt Nermin Hadziæ, der anders als Enisa bei Robot noch einen Ofen erstanden hat. Robot kann deshalb auf die Strahler zurückgreifen, da die Firma im 250 km entfernten westbosnischen Bihaæ eine eigene Produktionsstätte besitzt. Allein am Dienstag verkaufte man bei Robot in Sarajewo 3000 elektrische Heizgeräte.

Auch bei den Märkten Obi, Merkur und Interex waren die Regale leergekauft. Ebenfalls groß war der Ansturm bei Holz- und Kohlehändlern. Viele fuhren in das 40 km entfernte Visoko. Wenn es bis zum Wochenende keine Gaszufuhr gibt, erwartet man auch Einkaufsfahrten nach Vitez, zum größten bosnischen Kaufhaus FIS Vitez.

Ähnlich kritisch ist die Lage in Zenica, wo 20.000 Menschen ohne Heizung sind. In den zehn Grundschulen und elf Mittelschulen waren die Schüler am Mittwoch in kalten Räumen. "Wir haben keine andere Möglichkeit, als die Kinder nach Hause zu schicken, denn es ist zu kalt", beschreibt die Bildungsministerin des Zenica-Doboj Katons Zdenka Merdzan die Lage.

In Zvornik hat es die Krankenhäuser und Backstuben getroffen. "Alles steht still. Momentan haben wir keine Alternativlösung. Andere Brennstoffe sind sehr teuer für uns. Und wir müssten die Heizöfen für diese Brennstoffe umbauen", sagt der Direktor der größten Wohnungsgenossenschaft in Zvornik, "Zvornikstan", Petko Jokiæ.

In den Krankenhäusern Sarajewos reichen die Vorräte noch für zehn Tage. Man werde die Temperatur von 25 auf 22 Grad Celsius senken, außer auf den Intensivstationen und der Kinderklinik, sagt die Pressesprecherin Biljana Jandriæ. Die Provinz ist zumindest in der Gaskrise im Vorteil. In den bosnischen Dörfern heizen viele Haushalte noch mit Holz und Kohle. (Erdin Kaduniæ, Sarajewo, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.1.1.2009)

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    Bosnier beim Holzhacken nördlich von Sarajewo. Das Geschäft mit dem Verkauf von Holz und Kohle läuft, nachdem am Dienstag die Gaszufuhr aus Russland gestoppt wurde.

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