"Nichts dem Zufall überlassen"

8. Jänner 2009, 10:48
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"La Repubblica": "Israel kann Hamas nicht besiegen"

Rom/London/Paris - Internationale Tageszeitungen kommentieren in ihren Donnerstag-Ausgaben die Geschehnisse im Gazastreifen und die Rolle Ägyptens als Vermittler im Konflikt zwischen Israel und der Hamas.

"La Repubblica" (Rom):

"Das Kernproblem der Krise ist nicht so sehr die Einigung auf einen Waffenstillstand, die sich mehr oder weniger schon abzeichnet, sondern viel mehr das Danach. Wer soll die Ruinen von Gaza regieren? Auch wenn Israel in den nächsten Stunden seine letzte Attacke auf die Stadtzentren starten sollte, am Ende des Massakers, wenn das Blut weggewaschen ist und die Feuer gelöscht sind, würden immer noch Tausende Mitglieder der Hamas-Milizen (...) und der bisher im Hintergrund gehaltenen Elitetruppen übrigbleiben. Zu diesen kämen jetzt die Tausenden dazu, die herbeieilen (...), um einen Sohn, einen Bruder, eine Mutter zu rächen. Wer soll sie in Schach halten? (...) So werden auch in Zukunft die Fundamentalisten noch in Gaza vor Ort sein, mit ihren im Sand vergrabenen Raketen und ihrer im Herzen verborgenen Sehnsucht nach Rache. (...) Und das Risiko, dass es in Gaza schlimmer wird als gestern noch, scheint nicht mehr unwahrscheinlich."

"Tages-Anzeiger" (Zürich):

"Israel und Hamas prüfen den Vorschlag eines Waffenstillstandes für den Gazastreifen, den der ägyptische Präsident Hosni Mubarak zusammen mit Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy vorgelegt hat. Die Schaffung eines humanitären Korridors, den Israel nun eingerichtet hat, ging auf eine Forderung Ägyptens zurück. Damit versucht Mubarak sowohl den sicherheitspolitischen Anliegen Ägyptens Rechnung zu tragen als auch der eigenen Bevölkerung zu beweisen, dass die Regierung die israelische Aggression nicht tatenlos hinnimmt. Die Wut unter den Ägyptern steigt mit jedem Kriegstag. Die Menschen wollen zwar nicht, dass ihre Armee erneut in den Krieg zieht, aber sie verlangen mindestens starke Gesten, wie die Ausweisung des israelischen Botschafters oder Boykotte von israelischen Waren."

"Independent" (London):

"Es ist zu früh, um zu sagen, ob eine Waffenruhe in den nächsten Tagen erreicht werden kann. Dies hängt unter anderem von der Entschlossenheit internationaler Vermittler ab, die Kompromisse für alle Parteien finden und auch die Mechanismen, um diese Kompromisse durchzusetzen. Dies könnte vielleicht längerfristig eine internationale Präsenz erfordern, um die Grenze zwischen Israel und dem Gazastreifen sichern zu helfen. In diesem Konflikt darf nichts dem Zufall überlassen bleiben. Die Rahmenbedingungen, um den Gaza-Konflikt zu beenden, sind offenkundig. Sie durchzusetzen wird einen entschlossenen und engagierten multilateralen Einsatz erfordern."

"Le Monde" (Paris):

"Man muss den Europäern und besonders Nicolas Sarkozy den Verdienst anrechnen, dass sie die ersten waren, die vor dem Drama am Dienstag (der Beschuss einer UN-Schule mit rund 40 toten palästinensischen Zivilisten) das Risiko einer undankbaren Vermittlung auf sich genommen haben, um den Druck auf die Hauptakteure Israel und die Hamas zu steigern. Israel kann mit Recht behaupten, dass es unmöglich zulassen konnte, dass die Hamas weiter ein Arsenal tausender Raketen ansammelt, die immer leistungsfähiger und zielsicherer werden. Doch wäre man bis zu diesem Punkt gekommen, wenn man dem politischen Dialog mit der Hamas eine Chance gegeben hätte? Und wird man diesen Krieg abkürzen können? Gewiss nicht."

"Libération" (Paris):

"Es ist kein Zufall, dass sich in Gaza nach dem israelischen Beschuss einer UN-Schule mit mindestens 40 Opfern eine Hoffnung auf Frieden abzeichnet. Die allgemeine Empörung über diese Tat hat gewiss zu dieser Wende im Konflikt beigetragen. Israel hat die Grundzüge eines Planes zur Beendigung der Krise zugestimmt, den der ägyptische Präsident Hosni Mubarak nach seinem Treffen mit Präsident Nicolas Sarkozy angekündigt hat. Gewiss, alles ist noch nicht geregelt und die Geschichte der Region gibt Anlass zur Vorsicht. Doch der vorgeschlagene Plan könnte in einzelnen Etappen dazu führen, dass die Waffen zum Schweigen gebracht werden." (APA/dpa)

 

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