Das große Glück der Partituren

7. Jänner 2009, 21:12
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Dem jungen deutschen Komponisten Matthias Pintscher ist heuer ein umfangreiches Porträt gewidmet

Spätestens seit er als 15-Jähriger einmal das Musikschulorchester seiner Heimatstadt, des nordrhein-westfälischen Marl, dirigieren durfte, war es für Matthias Pintscher klar, dass er selbst Musik für Orchester komponieren wollte.

Mit Beginn des Kompositionsstudiums, das der 1971 Geborene im Jahr 1988 bei Giselher Klebe aufnahm und später bei Manfred Trojahn fortsetzte, ging die Sache dann auch recht schnell: Bereits 1989 schrieb Pintscher zwei Symphonien nieder - ein für einen jungen Komponisten ziemlich ungewöhnlicher Bezug auf die Gattungstradition.

Ungewöhnlich, aber symptomatisch: Pintscher zielte nämlich nie darauf, bei seinen Kompositionen ganz von vorn anzufangen, sondern wusste stets bei Bekanntem anzuknüpfen: In einem wahren Hit der zeitgenössischen Musik, seinen 1997 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführten Fünf Orchesterstücken, gibt es recht deutliche Bezüge zu Gustav Mahler, sodass es auch für weniger geübte Hörer nicht allzu schwer scheint, sich auf diese Musik einzulassen.

Dennoch begnügt sich Pintscher keineswegs damit, bloß in den bewährten Fahrwassern der Tradition zu segeln. Vielmehr hat er daneben immer auch modernste Mittel einbezogen, etwa von der Musik Helmut Lachenmanns profitiert, der seinem jungen Kollegen denn auch höchste Qualitäten bescheinigte.

Pintscher sei, so Lachenmann 1995, ein Komponist "voller kreativer Energien, mit sicherem Instinkt für formale und expressive Wirkungen, mit virtuosem Klangsinn, vor allem: fähig zu Überraschungen. Einer, der es weiß und es trotzdem wissen möchte."

Neben den Erfahrungen mit der Musik von Lachenmann waren für Pintscher auch die Begegnungen mit weiteren prominenten Komponisten prägend, etwa mit Hans Werner Henze, mit Peter Eötvös oder mit Pierre Boulez, der sich auch als Dirigent für ihn stark machte - ebenso wie zum Beispiel auch Claudio Abbado oder Sir Simon Rattle.

So zahlreich wie seine Auszeichnungen, darunter etwa der Kompositionspreis der Salzburger Osterfestspiele oder der Hans-Werner-Henze-Preis, sind inzwischen auch seine erfolgreichen Kompositionen wie die Oper Thomas Chatterton, die 1998 an der Dresdner Semperoper uraufgeführt wurde, oder seine zweite Oper L'espace dernier, die 2004 an der Opéra National de Paris herauskam. Daneben hat er nicht nur mit Werken für prominente Orchester Renommee gesammelt, sondern auch als Dirigent reüssiert.

Bei der Mozartwoche wird Pintscher, der seit 2007 auch als Professor für Komposition an der Hochschule für Musik und Theater in München tätig ist, vor allem mit Kammermusik vertreten sein. Dabei wird noch ein Streichquartett uraufgeführt. In einem Gespräch mit Thomas Schäfer, das sich im Almanach der Mozartwoche findet, weiß Pintscher diesen Umstand durchaus zu schätzen: "Man erkennt in der Kammermusik so gut, wo man mit seinem Material steht. Wo bist du mit deinem harmonischen Bewusstsein, was ist denn Harmonie? Wie hat sich Rhythmus entwickelt? Und immer, wenn ich eigene Stücke von mir dirigieren darf, die viele Jahre zurückliegen, ist es sehr interessant zu beobachten, dass ich diese Partituren richtiggehend wieder lernen muss."

Insgesamt hat Pintscher in letzter Zeit die Freude und das Glück, Partituren zu lesen, für sich neu entdeckt - seien es die eigenen oder die anderer. Auch die Freude, sich verbal über Musik zu äußern, ist bei diesem Komponisten deutlich zu verspüren. Sein Janusgesicht für Viola und Violoncello beschreibt Pintscher etwa als sehr subtiles Stück: "Es sind stille, atmende Töne zu langsamer und doch ganz freier Musik. Zwei Stimmen, zart schwebend, im Einklang."

Und auch für sein Ensemblewerk Verzeichnete Spur hat Pintscher aussagekräftige Metaphern gefunden: Es "beschreibt einen Gestus des Wanderns. Der Raum, in dem sich diese wandernden Zeichen und Gestalten bewegen, ist ortlos! Die Präsenz eines Zeichens soll nur in dem Augenblick gelten, in dem es sich uns mitteilt - es wird beschrieben, evoziert und gleich wieder gelöscht, wie auf einer verzeichneten Spur sich bewegend." (Daniel Ender / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.1.2009)

 

Werke von Matthias Pintscher am 26., 29. Jänner und 1. Februar

  • Ein Komponist mit viel Klangsinn, der Berührungspunkte mit der Tradition nicht scheut: Matthias Pintscher. 
 
 
    foto: christian fischer

    Ein Komponist mit viel Klangsinn, der Berührungspunkte mit der Tradition nicht scheut: Matthias Pintscher.

     

     

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