"Loitzl hat etwas Aristokratisches"

11. Jänner 2009, 13:27
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Roland Girtler hätte nicht Soziologie studieren müssen, um die Faszination des Skispringens zu erklären - STANDARD-Interview

STANDARD: Was fängt der Soziologe mit der Vierschanzentournee an? Interessieren Sie sich dafür?

Girtler: Sehr sogar, weil ich in meiner Jugend selbst Skispringer war. Ich bin ja im Dorf aufgewachsen, der Bubi Bradl war mein Idol, war das Idol vieler Menschen. In den 40er- und 50er-Jahren war dieser Sport besonders populär.

STANDARD:  Und wie hat der Skispringer Girtler abgeschnitten?

Girtler: Ich bin sogar bei den Jugendmeisterschaften mitgesprungen, aber ich war leider sehr schlecht. Mich hat es oft aufgehaut. Einmal, das werde ich nie vergessen, bin ich wieder gestürzt, aber der damalige Sieger, ein Südtiroler, hat mir seinen Pokal gegeben, weil ich so mutig war.

STANDARD:  Wolfgang Loitzl ist in wenigen Tagen zum Idol geworden. Eine ungewöhnliche Geschichte?

Girtler: Aber nein, das ist ja leicht erklärt, das ist banale Soziologie. Kein Wunder, dass die Leute fasziniert sind, gerade von einem, der aus der zweiten Reihe kommt und seine Chance ergreift. Loitzl ist ein Animal ambitiosum - den Ausdruck habe ich erfunden - ein Wesen, das sich nach Noblesse sehnt, nach Beifall heischt und sich von anderen abgrenzen will. Das ist ihm wunderbar gelungen.

STANDARD: Wie unterscheidet er sich von anderen, von Thomas Morgenstern oder Gregor Schlierenzauer?

Girtler: Er hat den Schmäh, das Spielerische, aber dazu noch die Eleganz. Er hat nicht das BitterErnste, das Verwegen-Ernste. Das gefällt den Menschen, wenn einer eine gewisse Form der Eleganz verkörpert, im wahrsten Sinne des Wortes etwas Aristokratisches hat. Die Herrschaft der Besten. Dieser Loitzl hat etwas Aristokratisches.

STANDARD: Welche Rolle spielt bei dieser Faszination der Menschen das Skispringen selbst?

Girtler: Das Skispringen steht ja im alpinen Raum ziemlich am Anfang der Sportgeschichte. Seit Erfindung des Skilaufs wird gesprungen. Die Menschen lieben das.

STANDARD: Wegen des Traums, selbst fliegen zu können?

Girtler: Ja, diesen Traum haben viele. Und er wurde ja auch politisch ausgenützt, vor und im Krieg. Und danach war das Skispringen unheimlich populär.

STANDARD: Mehr noch als heute?

Girtler: Sicherlich. Man glaubt gar nicht, wie viele Sprungschanzen es gegeben hat, in wie vielen Dörfern. Zum Beispiel da, wo ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe, in Spital am Pyhrn, oder in Windischgarsten. Heute gibt es diese Schanzen nicht mehr.

STANDARD: Warum?

Girtler: Das hat sehr viel mit dem Fernsehen zu tun. Heute sitzt man daheim und kann das alles bequem miterleben, früher war das Skispringen ja deutlich spektakulärer als etwa der Abfahrtslauf.

STANDARD: Durch die unmittelbare Nähe zum Geschehen?

Girtler: Genau, man ist dort an der Schanze gestanden und hat den ganzen Vorgang gesehen, vom Absprung bis zur Landung. Was hat man im Ziel eines Abfahrtslaufes gesehen? Doch nur einen kleinen Teil des Rennens. Aber die Skispringer, die springen ins Weite, in Innsbruck fliegen sie direkt in Richtung eines Friedhofs. Es hat wirklich etwas Heldenhaftes, sich durch die Luft zu bewegen.

STANDARD: Wie ein Adler quasi?

Girtler: Das ist ja die perfekte Reklame, der Vergleich mit dem Adler, einem Vogel mit hohem Symbolgehalt, wie der Adler in unserem Wappen oder auf den Fahnen im Fahnenmeer von Bischofshofen. (Sigi Lützow, DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 8. Jänner 2008)

 

ZUR PERSON:

Roland Girtler (67), geboren in Wien, ist außerordentlicher Professor am Institut für Soziologie der Universität Wien. Girtler war wissenschaftlicher Leiter des Wilderer-Museums in St. Pankraz bei Hinterstoder und veröffentliche zahlreiche Bücher, zuletzt "Herrschaft wünschen zahlen"

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    Der Adler ...

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    ...und der Skispringer, eine reklametechnisch perfekte Assoziation,...

  • ... sagt der Soziologe.
    foto: robert newald

    ... sagt der Soziologe.

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