Scholten: "Chance für neue Spielregeln"

7. Jänner 2009, 17:47
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    foto: standard/andy urban

    Eine Spekulationssteuer, mit der das Zocken unattraktiv gemacht wird, hat für Kontrollbank-Chef Rudolf Scholten nicht oberste Priorität.

Kontrollbank-Chef hält spekulative Geschäfte nicht per se für unmoralisch. Vor der Verführungsmaschinerie will er die Menschen aber schützen

Kontrollbank-Chef Rudolf Scholten hält spekulative Geschäfte nicht per se für unmoralisch. Vor der Verführungsmaschinerie mit Traumrenditen will er die Menschen schützen, sagt er im Gespräch mit Luise Ungerboeck.

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STANDARD: Sie sind Aufsichtsratspräsident des Filminstituts. Sind wir derzeit wirtschaftlich nur in einem schlechten Film oder ist die Marktwirtschaft am Ende?

Scholten: Das weiß ich nicht. Ich glaube aber, dass eine der Voraussetzungen zur Beurteilung unserer gegenwärtigen Situation ist, dass sie sich schlecht für diese, Sie verzeihen, ziemlich schnoddrige Verkürzung eignet. Diejenigen, die jetzt schon wieder genau wissen, was die Ursachen für diese Krise sind, sind mit schuld an ihr, weil sie früher auch schon immer genau gewusst haben, was es ist. Ich nehme an, dass es gut wäre, wenn man es nicht nur als Krise betrachtet - im Sinn von Störung, die vorüberzieht, und danach beginnt ein neues Spiel -, sondern als Chance, grundsätzlich neue Spielregeln zu machen.
Aber vielleicht ist auch nur der Film gerissen, aber das wäre dann eine vergeudete Chance, denn Opfer kostet die Krise in jedem Fall.

STANDARD: In welchem Sinn wäre es eine vergeudete Chance?

Scholten: Im Wesentlichen läuft es doch darauf hinaus, dass wir uns in einer Form auf quantitatives Wachstum verlegt und konzentriert haben, das irgendwann die Qualität erschlägt. Das ist ja letztlich der Widerspruch, um den es spätestens seit dem Club of Rome geht, nicht nur in ökologischen Fragen. Das alte Beispiel "Ich weiß nicht, wohin ich will, aber dafür bin ich schneller dort" , das hat die Welt beherrscht. Vielleicht sollten wir jetzt mehr über Ziele und weniger über Reisegeschwindigkeiten sprechen.

STANDARD: Aber Wachstum ist doch ein Grundpfeiler unseres System. Und der ist schwer erschüttert...

Scholten: Ich weiß schon, betriebswirtschaftlich oder volkswirtschaftlich betrachtet ist es ein Riesenunterschied. Aber letztlich muss es ein Maßstab der Diskussion sein, dass etwas, das sich im individuellen Leben bewährt, für ein Gruppenleben nicht ganz falsch sein kann, es ist also auch ein Korrektiv. Im individuellen Leben, da werden Sie mir recht geben, ist Wachstum für denjenigen, dem es schlecht geht, eine wesentliche Chance, um aus diesem Zustand herauszukommen. Er möchte mehr verdienen, mehr Sicherheit, mehr zum Leben haben. Zugleich ist es aber völlig verständlich, dass man sich zu diesem Jahreswechsel wünscht, es möge nicht schlechter werden. aber man wünscht sich nicht explizit sieben Prozent Wachstum. Individuell ist ein Stabil-Halten also vielleicht sogar ein Erfolg.

STANDARD: Dieses ein "Level-halten-Können" setzt doch auch Wachstum voraus...

Scholten: Nicht unbedingt. Zu mir hat ein privater Unternehmer kürzlich gesagt, das Risiko, das er in Kauf nehmen müsste, um eine Chance aufzumachen, dass es seinem Unternehmen noch besser ginge, sei so groß, dass er damit den guten Zustand gefährden würde.

STANDARD: Diese Firma muss aber nicht an der Börse reporten, oder?

Scholten: Stimmt, das ist das große Privileg des Privatunternehmers. Wäre er in die Publikumsstimmung eingebettet, müsste er ständig Tempo machen. Daher waren wir offensichtlich in der Situation, dass Qualität mit Tempo erschlagen wurde. Ich rede nicht gegen Wachstum, aber die Metapher der 25-prozentigen Rendite war nicht nur auf das Wirtschaftswachstum der Entwicklungsländer bezogen. Anders gesagt: Substanz war keine Kategorie mehr, entscheidend war nur das nächste Quartal.

STANDARD: Worin besteht die Chance dieser Krise?

Scholten: Sozialromantisch könnte man sagen: Die Krise führt zur Entschleunigung und so weiter. Das glaube ich aber nicht. Denn diejenigen, die jetzt gezwungenermaßen in die Box zurückmüssen, die sitzen jetzt drin mit ihren Motoren und warten nur mehr darauf, auf die Rennbahn zurückzukönnen. Das wäre schade, denn dann wäre die Chance verpasst, und Geld würde das Hauptprodukt des Handels bleiben, was insgesamt ein Unsinn ist. Geld ist ein Mittel zum Zweck.

STANDARD: Was muss reguliert werden? Sind Derivate und andere Luftfinanzgeschäfte zu verbieten?

Scholten: Das wird nicht funktionieren, ich halte das auch nicht für sinnvoll. Spekulative Geschäfte sind ja nicht per se unmoralisch. Wir können nicht verhindern, dass jemand darauf wettet, ob sein Partner morgen einen Sessel oder eine Tonne Getreide liefert - oder nicht. Was man aber kann, ist das Publikum schützen. Die Verführungsmaschinerie mit Traumrenditen kann man sehr wohl verhindern.

STANDARD: Ein Bürger, der brav private Pensionsvorsorge macht, kann doch nicht beeinflussen, ob ein Fondsmanager hochriskant wettet oder Risikoaktien kauft und dann ist alles weg. Vielleicht sollte die Kontrollbank künftig Emissionsprospekte kontrollieren?

Scholten: Wir beherbergen sie nur, weil sie bei uns hinterlegt werden müssen, wir sind aber nicht Aufsichtsbehörde. Grundsätzlich glaube ich nicht, dass man regulieren kann, ob jemand den versprochenen Sessel liefern kann. Aber Regulierung sollte kontrollieren, ob und mit welchen Versprechungen Informationsdefizite eines Geschäftspartners ausgenützt werden.

STANDARD: Mehr nicht? Eine Spekulationssteuer fänden Sie als Sozialdemokrat nicht angebracht?

Scholten: Das wäre natürlich auch eine Möglichkeit, aber nicht die einzige. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.1.1.2009)

Zur Person

Rudolf Scholten (53) war nach dem Wirtschaftsstudium in der Österreichischen Kontrollbank die rechte Hand von General Helmut Haschek. 1984 wechselte er ins Kabinett von Kanzler Franz Vranitzky, wurde 1987 Bundestheater-General und war von 1990 bis 1997 Minister für Unterricht, Kunst, später auch für Wissenschaft und Verkehr. Danach wurde der mit einer Ärztin verheiratete Vater dreier Kinder als Kontrollbank-Chef installiert.

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21 Postings
Childerich von Bartenbruch
00
komisch,....

... der nadelstreifbanker erwähnt mit keinem wort, dass es das bankenhilfspaket genau dafür gegeben hat, um die allseits abgestrittene kreditklemme zu beseitigen ("vertrauen schaffen", versprach noch molterer). nun tragen die banken nach 100 mia. zuschuss für kredite, die sie der wirtschaft geben, also auch noch das schier unglaubliche risiko, für 30% zu haften.

ein fass ohne boden! und die elite aus banken- und polit-jobhoppern halten sich gegenseitig die stange.

Werner FROELICH
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Ein Politiker der einen Posten bekam

ist nicht unbedingt eine gute Auskunftsperson.
Da er die Verantwortung für die von ihmverbockten Dinge ( a la EU Beitritt ) nicht übernommen hat.

Yahzee
 
01
Gnadenakt

Natürlich sind die Profiteure der Spekulationsbetruges gegen jedwede Kontrolle. Aber gnäderweise sollen die "Menschen", also das leichtgläubige und uninformierte Stimmvieh, zukünftig vor den Hyperbetrügern (ehemals Börsengurus) vom Schlag eines Bernie Madoff geschützt werden. Danke, danke und nochmals danke lieber Herr Scholten.

?und
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der und der lacina ferdl

nadelstreifsozi von bester qualität - nur der hannes a. trägt noch feinerers tuch.

inness robins
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Rohstoffblase

und im Besonderen die Ölpreisblase ist zu spät geplatzt! Jetzt ist das System beleidigt!

JSa
 
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Neue Spielregeln, aber welche?

Wohl doch nicht die Spielregeln der Sozialisten, wir wissen, wohin diese geführt haben.
Die Ursachen der Krise sind sehr wohl bekannt, wenn man sie akzeptieren will: Ungleichgewicht durch zu hohe Investitionen im Verhältnis zu den Ersparnissen. Wer hat diese (mit-)verursacht? Die Banken mit aufgeblasenen Kreditvolumina!

Die Lösung kann natürlich nur am Markt zustande kommen, der sich selbst reguliert. Diese Spielregeln sind klar und haben sich besser als jeder Dirigismus bewährt. Wer es besser weiß, leidet an Anmaßung.

Leider wird mehr desselben versucht: Steigerung der Nachfrage auf Pump, damit die überproduzierten Güter (Autos, etc.) nochmal gekauft werden, bevor dieses Ungleichgewicht endlich (!?) kracht. Das wird nicht lustig.

Childerich von Bartenbruch
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leute wie sie finde ich unheimlich lustig!

sie sind zwar sicher der meinung, dass eine kommunistische gesellschaft nie funktionieren kann (weil hat auch noch nie funktioniert), aber geradezu fanatisch in ihrem glauben an den "freien markt".

beides hat es nie gegeben. aber im selben atemzug wie sie behaupten, dass genau der "freie markt" die lösung aller probleme ist, sprechen sie allen, die eine kommunistische gesellschaft für die lösung halten, wahrscheinlich den "realitätssinn" ab.

Strpüpl Kotu
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Diejenigen, die jetzt...

... noch immer nicht wissen, was die Ursachen für diese Krise sind, aber in den Banken das Sagen haben sind unterqualifiziert.
Selbst Kapazunder wie Bernanke, die 2007 felsenfest behaupteten, dass sich die Kirse auf den Hypothekenmarkt beschränkt, sollten meines Erachtens nicht unbedingt mit Lösungen überfordert werden. Ebenso Unwissende a la Scholten, die ja nichts wussten und alle Verantwortung von sich weisen.

blechtrottel
00

wussten diese wirklich nichts??

Bosko Brankovic
01

Tobin Tax ist viel zu gering, da senkt den Spekulativenhandel gerade mal ein Prozent... Viel interessanter wäre doch eine Gewinnsteuer auf Spekulationsgewinn von 25-50%, man könnte den Staat finanzieren und echte Arbeit entlasten. Sollte EU weit durchsetzbar sein. Vielleicht noch OECD dazu plus Verbot von Wetten aus Steuerparadiesen.

Frank'n'furter
01

Die Tobin Tax besteuert den internationalen Devisentransfer und ist dazu gedacht, Währungsspekulationen zu verhindern. Da genügt ein sehr niedriger Prozentsatz. Einen Börsespekulanten kratzt die ohnehin nicht.

Spekulationsgewinne sind aber Buchgeld, dem nur sehr bedingt ein realer Wert entspricht, und damit im wesentlichen heiße Luft. Mit einem Teil davon den Staat zu finanzieren und etwa eine Straße zu bauen, hieße ja doch die tatsächlich in der Realwirtschaft im Umlauf befindliche Geldmenge aufzublähen, was langfristig zu galoppierender Inflation führen muss. Da kann man ebenso gut die Notenpresse anwerfen.

Der ganze Unsinn gehört einfach abgestellt, aber das kann so einer ja nicht sagen. Die Kontrollbank gehört schließlich den Banken.

josef binder3
 
03

Mit Scholten ist das eine eigene sache. So gar nicht ohne Belang wäre eine Analyse des Netzwerkes, in dem Scholten arbeitet. Auffallend ist jedenfalls, dass er stets von ein paar Männern im Hintergrund zu dem gemacht wurde, was gerade machbar war für ihn. Und eigenwillig ist auch, dass leute seines Coleurs immer wieder in Finazkreisen auftauchen und scheinbar im Sinne der Öffentlichkeit arbeiten. Das sind Seilschaften, die sich da von einem Amt zum anderen hiefen und damit einen sehr engen Kreis von Verschworenen bilden. Als Unterrichts- und Sakandalminister hat er hinlänglich bewiesen, welch großer Patriot er ist. Alles für Österreich in einem sehr internationalen Rahmen! Der Scholten, das ist ein Echter!

Mostbluzer
00
ja ein echter bilderberger

darüber mal was zu erzählen (von ihm) wär wirklich interessant. ich würd ihm dafür auch ... das schweissperlchen am kopfe abwischen.

Adoro Köycegiz
04

Solange Scholten und Co das Staudammprojekt Ilisiu nicht endgültig fallen lassen, sollen sie das Wort "Moral" nicht in den Mund nehmen. Menschen, die Hasankeyf unter dem Tigris versenken wollen, sind Barbaren...

Frank'n'furter
00
Herbergsvater für Emissionsprospekte mit Filmriss

"Diejenigen, die jetzt schon wieder genau wissen, was die Ursachen für diese Krise sind, sind mit schuld an ihr, weil sie früher auch schon immer genau gewusst haben, was es ist."
Also diejenigen, die seit Jahren vor dem Crash warnen und dafür als fortschrittsfeindliche Miesmacher verunglimpft wurden.

Generell kommt halt der Politiker durch:
Politiker A: Ich ab neulich im Parlament eine Rede gehalten.
Politiker B: Was hast denn gesagt?
A: Nichts natürlich.
B: Das weiß ich doch, aber wie hast es formuliert?

wir sind faymann
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in oesterreich sollte zunaechst das bankwesen aus den klauen von polit-protegees wie hr.scholten entrissen werden...

blechtrottel
00

vielleicht in 2009 jahren!?

frantiseklistig
00
Worüber mokieren Sie sich?

Dass Tempo Qualität erschlagen hat, ist wohl unbestritten. Dass es keine Partentrezepte gibt, ist wohl unbestritten. Und dass vor allem jene geschützt werden müssen, die ausgelifert sind, weil sie - ob sie wollen oder nicht - in Pensionskassen einzahlen müssen, die dann crazy spielen, wird doch auch niemand leugnen.

Die Bank Medici-Opfer sind selber schuld. Wer in die staatlich geförderte Pensionsvorsorge eingezahlt hat und jetzt "nackert" dasteht, der ist wirklich bedauernswert. Grasser vertraut - Mist gebaut! Das kann es doch nicht sein?

David Stroganoff
01

Ein polit-protegees mit viel Ahnung.

wir sind faymann
00
bissl zu wenig ahnung eben...

...so wie orf-wrabetz, kommunalkredit-schmidt, bawag-elsner und auch novotny als oberster schreibtischhengst der notenbank.

Childerich von Bartenbruch
00
sozi-bashing ist relativ fade ...

... in zeiten, in denen es nach einer neuerlichen niederlage der schwarzen keine große koalition gäbe, wenn es nicht die rettung der schwarzen banken erste und raiffeisen erforderlich gemacht hätte.

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