"Man hat immer nur Wachstum versprochen"

7. Jänner 2009, 17:56
11 Postings

In den peripheren Regionen wird man nie auf demselben Level leben können wie in den zentralen Städten - aber das muss nicht von Nachteil sein

Wien - Egal wie die Voraussetzungen sind - wenn die Berater kommen, kommen sie immer mit demselben Ansatz. Sie suchen Wachstumschancen für den jeweiligen Standort (auch diese sind verdächtig ähnlich, denn sie setzen meist beim Tourismus an) und erklären den örtlichen Verantwortlichen, dass ihr Heil eben im Wachstum liege. Das hat die Boku-Professorin Gerlind Weber so oft beobachtet, dass sie einen radikal anderen Ansatz propagiert: "Man muss für manche Räume ganz andere Leitbilder entwickeln. Schrumpfende Räume sollten zu Ruhe- und Regenerationsräumen werden."

Das klingt nach aktiver Sterbehilfe für jene Regionen, aus denen sich die Bevölkerung mehr oder weniger langsam zurückzieht - ein Rückzug, der Wald und Wild in ihre angestammten Lebensräume zurückkehren lässt. Ist das denn wünschenswert? Weber winkt ab: "Man muss schon unterscheiden zwischen der begleiteten Schrumpfung und dem unkontrollierten Zusammenbruch. Der unkontrollierte Zusammenbruch ist ebenso unerwünscht wie das unkontrollierte Wachstum. Wenn ganze Regionen wieder zur Wildnis werden, dann symbolisiert das den Zusammenbruch."

Schon der von ihr vertretene begleitete Schrumpfungsprozess wird von der betroffenen Bevölkerung und den sie vertretenden Politikern nicht immer begeistert aufgenommen, sagt Weber - und hat Verständnis dafür: "Man hat immer nur Wachstum versprochen, denn die Raumplanung basiert auf ökonomischen Theorien, die wachstumsgetrieben sind. Das aber ist ein Systemfehler."

Kein Zusammenbruch

Planung, die auf eine völlige Angleichung der Lebensverhältnisse ziele, sei zum Scheitern verurteilt - und sie bewirke das Gegenteil: Überzogene Erwartungen, eine umso tiefere Enttäuschung über deren Scheitern, Pleiten, Abwanderung, unkontrollierten Zusammenbruch.
Das Gegenteil wäre erstrebenswert: „Wenn man weiß, dass ein Drittel der Österreicher in diesen schrumpfenden Räumen lebt, die gut die Hälfte der Landesfläche ausmachen, muss man klarstellen, was diese Räume wertvoll macht. Es werden Räume sein, die langsamer, kostengünstiger, älter sind - aber das sind ja auch Werte in einem bewusst entworfenen Gegenbild, in dem Entschleunigung und Ruhe positiv besetzt sind", sagt Weber.

Konkrete Ansätze gebe es dort, wo die Abwanderung so massiv ist, dass ein gezielter Rückbau kein Tabu mehr ist. In den neuen Bundesländern Deutschlands hat man damit begonnen, die leer stehenden Plattenbauten der nun nicht mehr gebrauchten Siedlungen abzureißen. Und solcher Rückbau sei auch in manchen Gegenden Österreichs sinnvoll, etwa in Eisenerz. Die Stadt hat derzeit 5415 Einwohner - als der Erzberg noch intensiv abgebaut wurde waren es über 18.000.
In solchen Fällen gehe es darum, Überkapazitäten abzubauen und eine weitere Entwicklung an den Rändern zu stoppen - die Kräfte sollten auf Orts- und Stadtkerne konzentriert werden. Wenn neue Betriebe kommen, könnten diese durchaus erwünscht sein - aber in schrumpfenden Regionen dürfe man nicht auf der grünen Wiese neu ansiedeln, man müsse bestehende Gelände wieder verfügbar machen.

"Schrumpfung darf nicht heißen, dass man kein Geld mehr in die Hand nimmt", warnt die Planerin - auch wenn Schrumpfungen insgesamt zu Einsparungseffekten führen. Für die verbliebene Bevölkerung müsste eine ausreichende Versorgung sichergestellt werden, fordert das Ökosoziale Forum, dessen Wiener Zweigverein Weber leitet. Das reicht von der Breitband-Internetverbindung über die medizinische und pflegerische Versorgung bis zu Gaststätten und Kirchen.

Kirche im Dorf lassen

Das Wort von der Kirche, die man im Dorf lassen müsse, bekommt in diesem Zusammenhang eine neue Bedeutung: Wo das Pfarr- und Vereinsleben nicht mehr stattfindet, geht der soziale Zusammenhalt verloren. Wo man kein Wirtshaus mehr besuchen kann, passiert dasselbe. Weber plädiert dafür, dass ein „Gasthaus zur Post" tatsächlich die Poststellenfunktion übernimmt. Die früher so geschätzten „Gasthöfe mit eigener Fleischerei" würden zu Wirts- und Kaufhäusern und der öffentliche Verkehr müsse jene Bevölkerungsgruppen erreichen, die in den ländlichen Regionen ohne Auto auskommen müssen _- also vor allem Schulkinder und Senioren.

Leidensdruck groß genug

Weber misstraut den Prognosen, nach denen Österreichs Bevölkerung in den kommenden vier Jahrzehnten auf mehr als neun Millionen anwachsen wird. Das wäre nur mit massiver Zuwanderung möglich - und diese würde erst wieder in die Städte führen. Noch sei wenig realistisch, dass auch der ländliche Raum profitiere. Dabei wäre es durchaus denkbar, dass dort zuwandernde Unternehmer die Nahversorgungsfunktion übernehmen, wie sie es auf den Wiener Märkten längst getan haben.

Ob das nicht zu Akzeptanzproblemen führen wird? Weber verweist auf die Pflegeberufe, wo das längst keine Rolle mehr spielt: „Wenn der Leidensdruck groß genug ist, dann ist keiner mehr ausländerfeindlich - da lässt sich auch einer, der früher xenophob war, dankbar von einer pflegen, die er früher als ‚Negerin‘ abgelehnt hätte." Und längst stünden bei angestammten Österreichern Kebab und süßsaures Schweinefleisch auf dem Speiseplan. (Conrad Seidl, DER STANDARD, Printausgabe, 8.1.2009)

Share if you care.