Ich weiß, was du jetzt denkst

7. Jänner 2009, 13:48
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Neurowissenschafter konnten nachweisen, dass Entscheidungen im Gehirn bereits mehrere Sekunden vor der bewussten Wahl feststehen - so können erstmals Gedankeninhalte dekodiert und vorhergesagt werden

Der Wunsch, in den Kopf eines anderen Menschen hineinschauen zu können, ist wohl so alt wie der zu fliegen. Der eine Traum ist längst alltägliche Realität geworden, und auch die Kunst des Gedankenlesens ist keine Vision von Esoterikern mehr, sondern wird mittlerweile in seriösen Forschungslabors geübt.

Einer der renommiertesten wissenschaftlichen "Gedankenleser" ist der Neurowissenschafter John Dylan Haynes vom Bernstein Center for Computational Neuro-science an der Charité in Berlin. Seine neuesten Untersuchungen brachten Brisantes zutage: Denn er und sein Team konnten erstmals nachweisen, dass bereits mehrere Sekunden vor einer bewussten Entscheidung aus unserer Gehirnaktivität abgelesen werden kann, was wir letztlich tun würden. So mussten sich Probanden in einem der Haynes'schen Versuche etwa entscheiden, ob sie - im Scanner liegend - zu einem selbstgewählten Zeitpunkt einen Knopf mit der linken Hand oder einen anderen mit der rechten drücken wollen.

Die meisten Probanden gaben an, sich innerhalb einer Sekunde vor dem Drücken für den einen oder den anderen Knopf entschieden zu haben. Durch Messungen der Gehirnaktivität, speziell des frontopolaren Kortex an der Stirnseite des Gehirns, konnten die Forscher jedoch in 60 Prozent der Fälle bereits sieben Sekunden vor diesem bewussten Entschluss vorhersagen, welche Hand die Testperson einsetzen wird. Das deutet darauf hin, dass die Entscheidung im Gehirn bereits unbewusst angebahnt war, lange bevor sie bewusst getroffen wurde.

Jeder Gedanke hat ein Muster

Möglich wurde diese sensationelle Beobachtung durch den Einsatz der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT), mit der die Aktivierung einzelner Gehirnregionen ermittelt und abgebildet werden kann. Die Grundidee dabei: "Wir wissen seit einigen Jahren, dass jeder Gedanke in einem räumlichen Muster der Hirnaktivität kodiert ist", erklärt John Dylan Haynes.

"Es gibt ganz bestimmte Areale für die Speicherung von optischen oder akustischen Eindrücken, von Plänen oder Erinnerungen. Das heißt, jeder Gedankeninhalt ist in einem separaten Areal kodiert, aber in diesem unterscheiden sich die mikroskopischen Muster." Kennt man das Muster eines bestimmten Gedankens im Gehirn, kann man diesen Gedanken also auch "lesen".

Zurzeit sind es noch sehr einfache Gedanken, die mit dieser Technologie dingfest gemacht werden können. "Aber prinzipiell", ist der Neurowissenschafter überzeugt, "können alle Gedanken ausgelesen werden - wie simpel oder komplex sie auch sind."

Wie das funktionieren soll? "Bei jedem Gedanken stellt sich ein spezifisches Muster der Gehirnaktivität ein. Ein Mustererkennungsprogramm wird darauf trainiert, dieses zu erkennen." Selbst komplexere Pläne sollen auf diese Weise irgendwann ermittelt werden können: "Die Schwierigkeit dabei ist nicht das Auslesen, sondern dass man dem Computer beibringen muss, wie die Gehirnaktivität typischerweise aussieht, wenn jemand diesen Gedanken hat."

Müssen wir also in den nächsten Jahrzehnten mit universellen Gedankenlesemaschinen rechnen? "Das wird wohl viel länger dauern, wir sind mit unserer Forschung ja erst ganz am Anfang." Eine der größten Hürden auf dem Weg ist der Umstand, dass ein Mensch beliebig viele Gedanken haben kann. Wie also soll die schlaue Software all die Aktivierungsmuster lernen? Auch dazu gibt es bereits erste Lösungsansätze: So kann man schon heute herausfinden, an welches von vielen tausenden Bildern eine Person gerade denkt, wenn man weiß, wie dieses spezielle Gehirn auf 20 oder 30 davon reagiert. "Das funktioniert", so Haynes, "indem man Ähnlichkeiten ausnutzt und sich mathematischer 'Tricks' bedient. Zurzeit allerdings nur bei visuellen Vorstellungen - für Erinnerungen oder komplexe Pläne fehlen uns noch gute mathematische Modelle."

Freier Wille infrage gestellt

Auch wenn die Gedankenforschung noch in den Kinderschuhen steckt, birgt sie bereits jetzt hochexplosive Erkenntnisse: Wie ist etwa die Idee vom "freien Willen" einzuschätzen, wenn unsere Entscheidungen nur scheinbar bewusst getroffen werden? Wie wirkt sich das auf die Rechtsprechung aus oder auf unser Selbstverständnis? Zu einer stichhaltigen Demontage der Willensfreiheit müssten die Neurowissenschafter allerdings erst einmal Entscheidungen mit 100-prozentiger Sicherheit vorhersagen. Gegenwärtig liegt die Trefferquote übrigens bei 60 bis 80 Prozent.

Auch in Bezug auf mögliche Anwendungen dieser Erkenntnisse gibt es Nachdenkbedarf: So bieten bereits Firmen in den USA die Kernspintomografie quasi als Lügendetektoren an. "Das ist extrem gefährlich", ärgert sich Haynes. "Da wird eine Technik verkauft, die noch nicht ausgereift ist und damit ein ganzes Forschungsfeld missbraucht!"

Dabei sollte man das positive Potenzial der Gedankenforschung nicht aus den Augen verlieren: So können diese Erkenntnisse etwa im Rahmen von Gehirn-Computer-Schnittstellen behinderten Menschen bei der Steuerung von Prothesen oder auch beim Ausdrücken von Wünschen und Absichten helfen. (Doris Griesser/DER STANDARD, Printausgabe, 7. 1. 2009)

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