Geistesblitz: Ausgrabung des "juristischen Ötzi"

7. Jänner 2009, 13:39
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Die Juristin Monika Niedermayr untersucht die frühe Auslegung des ABGB

Im Jahr 1811 wurde das Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch (ABGB) im Habsburgerreich veröffentlicht und gilt in Österreich bis heute in vielen Bereichen unverändert. Monika Niedermayr erforscht mit Mitteln des Jubiläumsfonds der Nationalbank, wie Höchstrichter das damals brandneue Recht ausgelegt haben.

Basis ihrer Arbeit an der Uni Innsbruck sind Ratsprotokolle der Obersten Justizstelle aus 1814 bis 1844. Bei gleichlautendem Gesetzestext sahen die Urteile im 19. Jahrhundert anders aus, weil in Tirol und Vorarlberg die Westgalizische Gerichtsordnung galt. Es gab keine freie Beweiswürdigung, und die Urteilsbegründung wurde nicht an das untergeordnete Gericht übermittelt.

Ihr ehemaliger Institutsleiter hatte 1997 die Idee, die Überreste des Justizpalastbrandes im Staatsarchiv zu sichten. Gemeinsam durchforsteten sie viele unleserliche Brandakten und stießen in einem abgeschiedenen Gang auf bestens erhaltene Akten. Sie waren 1927 vom Feuer verschont geblieben. Ein "juristischer Ötzi" war gefunden.

Ausdauer ist ihre Stärke, sagt Niedermayr, also befasst sie sich mit historischem Recht. Die 45-jährige Rechtshistorikerin wird - entsprechende Forschungsgelder vorausgesetzt - bis zur Pension mit alten Akten versorgt sein: "Mein Nahziel ist das 200-Jahr-Jubiläum 2011. Auch die längste Reise beginnt mit einem einzigen Schritt." Bisher hat sie fast 400 Protokolle bearbeitet.

Auf den Buchstaben "S" folgt "W", weil es da weniger italienische Familiennamen und Aktenteile gibt. Die Handschriften im Folio-Format - geringfügig kleiner als A3 - wurden vom Referenten in Kurrent geschrieben. Es gibt Bögen in "Futzelschrift" und solche an den Monarchen, gestochen scharf und mit breitem Rand für Marginalien.

Die Uni-Bibliothek Innsbruck scannt die Originale, zwei Mitarbeiter transkribieren, und die Niederösterreicherin kollationiert, das heißt: "Ich lese den Orginaltext vor, und wir vergleichen, verbessern und ergänzen die Version auf dem Bildschirm." Für ihren länderübergreifenden Forschungstraum "Judikatur im Habsburgerreich", bräuchte sie Heerscharen von Mitarbeitern.

Die Ratsprotokolle dienten den Hofräten der Obersten Justizstelle als Vorlage. Sie erarbeiteten zu Hause einen Urteilsentwurf und trugen ihn in der Sitzung mündlich vor. Es folgten Diskussion und Abstimmung. Wenn es eine "gute Fee" gäbe, würde sich die Rechtshistorikerin die Teilnahme bei einer Senatssitzung 1814 am Wiener Judenplatz wünschen.

Auch juristisch richtige Urteile empfindet sie nicht immer als gerecht. In rund fünf Prozent der Fälle muss sie Vermutungen anstellen - dann nämlich, wenn der Senat dem Vorschlag des Referenten nicht folgte. Neben Forschung und Lehrveranstaltungen arbeitet sie regelmäßig in einer Familienberatungsstelle.

Die Wochenenden verbringt sie mit ihrem Lebensgefährten im Alpbachtal. Laufrunden mit dem Hund "pusten das Gehirn frei" - auch für ihre Eigenkreationen als selbsternannte Textildesignerin. Für 2009 hat sie sich vorgenommen, die Gerichtssitze im Trentino mit dem Motorrad zu erfahren. Mit dabei ist immer ein Notizbuch für gute Ideen. (Astrid Kuffner//DER STANDARD, Printausgabe, 7. 1. 2009) 

 

  • Die Rechtshistorikerin Monika Niedermayr ist bis zur Pension mit alten Akten versorgt.
    foto: privat

    Die Rechtshistorikerin Monika Niedermayr ist bis zur Pension mit alten Akten versorgt.

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