Zähne als Fundgrube

7. Jänner 2009, 13:30
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Neue Informationen über das Ende des Miozäns

Auch wenn man es mit zunehmendem Alter kaum glauben kann: Zahnschmelz ist das Widerstandsfähigste, was unser Körper zu bieten hat. Deshalb stellen Zähne den weitaus größten Teil aller Fossilien, die gefunden werden.

Der französische Paläontologe Gildas Merceron untersucht im Rahmen eines Lise-Meitner-Programmes im Naturhistorischen Museum in Wien mit Ursula Göhlich, der Kuratorin für Wirbeltierpaläontologie, die Backenzähne großer Pflanzenfresser und zieht daraus Rückschlüsse auf die Umweltverhältnisse während des mittleren bis späten Miozäns, genauer gesagt vor 13 bis acht Millionen Jahren. Zu dieser Zeit begann das Meer, das anfangs fast ganz Europa bedeckt hatte, allmählich zu verlanden, wobei schließlich im Bereich des heutigen Neusiedlersees und des Plattensees ein großer Brackwassersee, der Pannon, entstand. Fossilien belegen, dass es in Europa während des Miozäns Verwandte der heutigen Hirsche, Rinder, Pferde, Gazellen, Giraffen, Schweine und Nashörner gab.

Aber auch unsere eigene Verwandtschaft war zu dieser Zeit massiv vertreten: Die Primaten hatten sich bereits vor ca. 20 Millionen Jahren in Afrika in zwei große Linien gespaltet, in die Meerkatzenverwandten und in die Hominoiden, aus denen in der Folge unter vielen anderen Arten auch der Mensch hervorging. Letztere brachten im Miozän eine große Artenvielfalt hervor.

Vor rund 8,5 Millionen Jahren jedoch war damit Schluss. Stattdessen finden sich in ihrem Verbreitungsgebiet nur noch fossile Überreste einer einzigen Affenart aus der Gruppe der Meerkatzenverwandten. Auch die restliche Fauna veränderte sich zu der Zeit dramatisch: Rinder- und Pferdeartige wurden häufiger, während die anderen Arten zurückgingen.

Anhand der Abschliffmuster auf den Zähnen der damaligen Pflanzenfresser, die er mit denen heutiger Verwandter vergleicht, kann Merceron die Nahrung der Tiere ermitteln und die Landschaft, in der sie gelebt haben, rekonstruieren. Demnach bot die europäische Landschaft aufgrund ihrer Vielfalt bis vor 8,5 Millionen Jahren zahlreiche Nischen für die Entstehung verschiedener Arten. Danach wurde die Landschaft offener, einheitlicher. Woher der auffällige Wandel kam, ist ungeklärt. Man nimmt jedoch an, dass ein massives Sinken des Meeresspiegels dafür verantwortlich war. (strn//DER STANDARD, Printausgabe, 7. 1. 2009)

 

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