Interview: "Es steht ein Qualitätsdiskurs ins Haus"

7. Jänner 2009, 13:20
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Der Hochschulforscher Stefan Hornbostel über internationale Uni-Rankings, von der Forschungspolitik vernachlässigte Doktoranden und unerwünschte Effekte gut gemeinter Programme

STANDARD: Nachdem die österreichischen Unis im jüngsten Times Higher Education Ranking weit zurückgefallen sind, erklärte einer der Rektoren, die eigene Forschungs- und Lehrleistung sei nicht schlechter, aber anderswo seien viele Unis besser geworden. Stimmt das?

Hornbostel: Es ist zumindest eine schöne Erklärung. Offen gesagt halte ich von diesem Ranking nicht viel. Es ist im Wesentlichen eine methodisch kaum kontrollierte Erhebung der Reputation von Hochschulen. Je größer und älter eine Einrichtung ist, desto größer sind ihre Chancen, präsent zu sein. Im Schanghai-Ranking landet unweigerlich oben, wer einen Schwerpunkt in den Life Sciences hat. Je länger es Rankings gibt, desto geringer wird ihr Nachrichtenwert. Das provoziert dazu, kleine Unterschiede groß aufzublasen. Methodisch ist es sehr schwierig, ganze Hochschulen über Fächergrenzen hinweg zu bewerten.

STANDARD: Tragen solche Rankings nicht trotzdem dazu bei, dass momentan viele Unis in der Welt versuchen, sich wirklich zu verbessern?

Hornbostel: Betrachtet man das Times Higher Education Ranking mal nicht als Messoperation, die Qualität abzubilden vorgibt, sondern als Bestandteil der öffentlichen Kommunikation über Wissenschaft, wird es interessant. Wie gelingt es einer Universität, sich nach außen in Szene zu setzen? Das wird nicht völlig unabhängig von Leistung gelingen, aber da steckt auch ein gutes Stück Marketing drin. Vor zehn, 20 Jahren hatten Rankings eine wichtige Funktion, den Wettbewerbsgedanken zu verbreiten. Das ist weitgehend erledigt, weil die Qualitätsorientierung inzwischen überall angekommen ist.

STANDARD: Wer außer Unis braucht internationale Rankings?

Hornbostel: Die wichtigste Zielgruppe ist die Wissenschaftspolitik, die wissen will, wo eine Einrichtung, eine Region oder ein Land im internationalen Vergleich steht. Mobile Postdocs in den Naturwissenschaften schauen darauf, wenn sie sich bewerben. Für Studierende ist es hingegen unmöglich, von forschungsbasierten Rankings auf die Lehrbedingungen zu schließen.

STANDARD: Was ist mit Doktoranden?

Hornbostel: Die nackte Zahl der Promotionen wird in den meisten Rankings irgendwie verhackstückt. So etwas liefert keine Information über Promotionsbedingungen und Karrierechancen. Einige Hochschulen führen zwar selbstständig Absolventenbefragungen durch, haben aber keine systematische Vergleichsbasis. Dafür brauchen sie einen externen Akteur.

STANDARD: Also Ihr Institut?

Hornbostel: Wir entwickeln zurzeit ein Promovierendenpanel. Hochschulen haben etwas davon, wenn sie wissen, wo sie in verschiedenen Problem- und Leistungsdimensionen im Vergleich zu anderen stehen. Stimuliert durch den Bologna-Prozess steht uns da ein Qualitätsdiskurs ins Haus. Es gibt ja zwei Stränge: Der eine ist die Ausbildung von hochqualifiziertem Wissenschaftsnachwuchs ...

STANDARD: ... was die Forschungspolitik doch im Blick hat.

Hornbostel: Richtig. In Zukunft werden aber in manchen Fächern 80, 90 Prozent der Promovierten in nichtakademischen Bereichen tätig sein, wo sie mit völlig anderen Anforderungen konfrontiert sind. Was hat ihnen eine Universität außer einem Titel überhaupt anzubieten? Und wäre es nicht sinnvoll, im Sinne von "lifelong learning" stärker Promotionsinteressenten aus dem Berufsleben anzuziehen, die eine Phase suchen, um ihre Erfahrungen zu reflektieren?

STANDARD: Sie forschen in erster Linie für große Akteure wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Kommen Sie mit den Unis überhaupt ins Gespräch?

Hornbostel: Zum Beispiel beim Thema Steuerungssysteme. Alle medizinischen Fakultäten haben inzwischen ein System zur leistungsorientierten Mittelvergabe, und bei fast allen spielen bibliometrische Indikatoren eine Rolle. Aber eine einzelne Hochschule kann nicht feststellen, ob man da in die richtige Richtung steuert oder unerwünschtes Verhalten produziert.

STANDARD: Inwiefern unerwünscht?

Hornbostel: Sie können Leute dazu bewegen, schlechte Artikel in Zeitschriften mit hohem Impact-Faktor einzureichen. Sie können Nachwuchswissenschafter in Kooperationen zwingen, weil der Co-Autor den Zugang zur High-Impact-Zeitschrift garantiert. Sie können sinnlose Co-Autorschaften provozieren, weil alles mehrfach gezählt wird. Sie können dafür sorgen, dass Mediziner den anwendungsorientierten Teil ihrer Klientel verlieren, weil der niedergelassene Arzt in der Regel nicht das New English Journal of Medicine liest, sondern das Deutsche Ärzteblatt. Mit schlecht gewählten Indikatoren können Sie das Gerechtigkeitsempfinden innerhalb einer Fakultät massiv verletzen. Wir wollen eine empirisch fundierte Grundlage schaffen, um die Fakultäten beraten zu können: Wenn ihr diese Methoden nutzt, sind folgende Effekte zu erwarten und auch folgende nicht intendierte Effekte wahrscheinlich.

STANDARD: Um in der Begriffswelt der Medizin zu bleiben: Gibt es so etwas wie eine evidenzbasierte Forschungs- und Hochschulpolitik?

Hornbostel: Es gibt ein zunehmendes Interesse, systematisch auf die eigenen Instrumente und Leistungen zu schauen, also zu fragen: Entwickelt die Politik die richtigen Problemdefinitionen? Sind das wirklich die Felder, wo etwas zu tun ist? Und sind die Instrumente wirksam? Unter den verschärften Wettbewerbsbedingungen im Hochschulsystem ist die Bereitschaft der Akteure sehr viel größer geworden, sich beraten zu lassen. Lange Zeit hat man in der Wissenschaftspolitik nur Probleme identifiziert und dann Programme aufgelegt.

STANDARD: Anhand von Studien?

Hornbostel: Nicht einmal das. Im Grunde war es früher eine Form von Problemlobbyismus. Bestimmte Gruppen haben sehr lautstark artikuliert, dass es Forschungsdefizite im internationalen Vergleich gibt. Im Augenblick durchleben wir eine wilde Reformeuphorie, ganz anders als in den 60er- und 70er-Jahren, als es eine Art Masterplan für den Ausbau der Hochschulen und eine Studienreform gab. Wir bewegen uns heute sowohl in der Lehre als auch in der Forschung in einem diffusen marktförmigen Suchprozess, wo man Dinge ausprobiert. Und wenn es an einer Stelle gut läuft, kann es durchaus woanders Kollateralschäden geben. (Stefan Löffler/DER STANDARD, Printausgabe, 7. 1. 2009) 

Zur Person
Stefan Hornbostel (53) ist wissenschaftlicher Leiter des 2005 gegründeten Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ). Der Wissenschaftsforscher und Professor am Institut für Sozialwissenschaften der Berliner Humboldt Universität war außerdem am Centrum für Hochschulentwicklung (CHE)beschäftigt.

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    Büffeln für einen akademischen Titel könne nicht alles sein, meint Stefan Hornbostel, der in der Wissenschaftspolitik einen Wandel vom "Problemlobbyismus" zur "wilden Reformeuphorie" sieht.

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