Die produktive Seite der Krise

7. Jänner 2009, 13:04
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Thinktanks für den Wissenschaftsbetrieb sollen Forschungs-Output erhöhen

Als in den Siebzigerjahren die Universitäten in Deutschland ausgebaut wurden, gab es praktisch keine Hochschul- und Wissenschaftsforschung, die den Prozess begleitete oder gar konzipierte. So wuchsen oder entstanden vielfach fehldimensionierte Institutionen, deren Konstruktionsfehler und Altlasten erst im Lauf der Jahre zutage traten.

In den Neunzigerjahren brachte das Centrum für Hochschulentwicklung mit Akronym CHE Bewegung in die Strukturen. Ein wichtiger Anstoß des von der Bertelsmann-Stiftung finanzierten und gleichenorts im westfälischen Gütersloh angesiedelten Thinktanks waren die ersten aussagekräftigen Uni-Rankings im deutschsprachigen Raum. Daneben entwickelte die von Detlef Müller-Böling geführte Truppe nicht nur Instrumente fürs Uni-Management, sondern erschloss das brachliegende Arbeitsfeld Uni-Marketing, zeigte auf, warum Studiengebühren sinnvoll und sozial verträglich sind, und schwor die Verantwortlichen frühzeitig auf Evaluation und Exzellenz ein.

Diese Vordenkerrolle habe das CHE inzwischen weitgehend eingebüßt, meint der dort früher selbst beschäftigte Wissenschaftsforscher Stefan Hornbostel. Allerdings liege das auch daran, dass die Stichworte aus Gütersloh die Runde gemacht haben. "Die meisten Themen sind inzwischen im öffentlichen Diskurs. Es ist viel Fantasie in die politischen Gremien hineingewandert." Hornbostel zufolge floriert die CHE-Consult, eine 2001 ausgegründete, gemeinnützige Beratungsfirma. Ihr Newsletter "Checkup" gilt als Pflichtlektüre.

2005 wurde ein stärker auf die Forschungsseite ausgerichtetes Pendant ins Leben gerufen. Das Bonner Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ) hatte auch eine mehrjährige Vorgeschichte. Die Empfehlung zu seiner Gründung ging aus einer bereits zehn Jahre zurückliegenden Evaluierung der Forschungsförderung in Deutschland hervor.

Es habe lange gedauert, bis alle Gremien und Einrichtungen Vertrauen fanden, schildert Hornbostel: "Man hatte Angst vor weiteren Rankings und dass da unkontrolliert neue Dinge aufkommen." Kompromisse seien aber nicht nötig gewesen. Es habe sich in den vergangenen Jahren ein Kulturwandel vollzogen, so Hornbostel: Probleme müssen nicht mehr unbedingt intern entdeckt und gelöst werden.

Nicht nur in Deutschland wurde in Thinktanks für den Wissenschaftsbetrieb investiert, sondern etwa auch in Frankreich und in den USA. "Dort blickt man mit Sorge auf den schrumpfenden Anteil am weltweiten Forschungs-Output. So entsteht ein Krisendiskurs, und in der Folge wird auch wieder in Reflektionswissen investiert", sagt Hornbostel. "Die Krise hat für die Wissenschaftsforschung auch eine produktive Seite." (stlö/DER STANDARD, Printausgabe, 7. 1. 2009)

 

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