Wiener LehrerInnen Burnout-gefährdet

7. Jänner 2009, 12:11
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Ein Drittel stark gefährdet, nur ein Drittel risikofrei - Grund ist der hohe Geräuschpegel in Pausenräumen

Wien - Pflichtschullehrer in Wien leiden unter deutlich höherer Lärmbelastung als ihre Kollegen in anderen Bundesländern. Eine Folge davon: Ein Drittel ist mehr oder weniger stark Burnout-gefährdet. Nur 36 Prozent haben kein Risiko, bei zehn Prozent ist es hingegen sehr stark, bei weiteren zwölf Prozent stark erhöht. Das ergab eine Online-Befragung unter 860 Pflichtschullehrern, die jüngst im Auftrag der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) von der ARGE Zuhören durchgeführt wurde.

Männliche Hauptschullehrer am meisten betroffen

In Wien ist der Anteil an Pflichtschullehrern, die eine hohe Lärmbelastung im Berufsalltag beklagen, mit 29,5 Prozent deutlich über dem Schnitt von 24,2 in den anderen untersuchten Bundesländer (Salzburg, Niederösterreich, Steiermark). Laut Studie ist es 25 Prozent der Befragten in der Klasse sehr oft, weiteren 47 Prozent oft zu laut. Mehr als zwei Drittel finden außerdem, dass es in den vergangenen drei Jahren viel oder eher lauter geworden ist. 13 Prozent empfinden das als sehr starke, 26 als eher starke Störung des Unterrichts.

Die meisten hoch belasteten Befragten gibt es unter den männlichen Wiener Hauptschullehrern, auch Lehrer mit mehr als 21 Dienstjahren fühlen sich stärker beeinträchtigt. Generell schneiden Pädagogen aus Hauptschule und Kooperativer Mittelschule (KMS) schlechter ab als Volksschullehrer: Sie fühlen sich stärker in ihrem Wohlbefinden beeinträchtigt, sehen den Unterricht stärker gestört, haben mehr Probleme, sich stimmlich durchzusetzen, und bewerten Zuhören durch Schüler und andere Lehrer schlechter. Während sich 36,5 Prozent der Hauptschul- und KMS-Lehrer aufgrund des Lärmpegels hoch belastet fühlen, sind es unter Volksschullehrern 26,2 Prozent.

Lärm als Burnout-Risiko

Im Rahmen der Studie wurde zusätzlich bei fast 400 Pflichtschullehrern die Stressbelastung erhoben. Psychologe Erich Hotter von der ARGE Zuhören zur APA: "Die Verbindung von Lärm und Stress ist signifikant hoch. Lehrer, die unter Lärmbelastung leiden, haben eine stark erhöhtes Burnout-Risiko." Anders als bei der Lärm-Umfrage gab es dabei keine signifikanten Unterschiede nach Geschlecht, Dienstjahren oder Schultypen. 33 Prozent der Befragten haben ein leicht erhöhtes Risiko, bei neun Prozent ist es erhöht, bei zwölf Prozent stark und bei zehn Prozent sehr stark erhöht. Signifikante Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt es bei der Ausformung des Burnout-Risikos: Während es sich bei Männern verstärkt durch Erschöpfung, Hilflosigkeit, innere Leere, Arbeitsüberdruss und Leistungsunzufriedenheit ausdrückt, reagieren Frauen verstärkt mit Dauerspannung und Selbstüberforderung.

"Kinder, die kein Deutsch sprechen"

Martin Höflehner von der GÖD hatte das schlechte Wien-Ergebnis erwartet und ortet mehrere Gründe: Die zunehmende Dauerbeschallung in Ballungsräumen und die "spezielle Schülerpopulation" in den Wiener Pflichtschulen. "Kinder, die in der Klasse sitzen und kein Deutsch verstehen, machen natürlich Lärm." Laut Hotter können viele Kinder heute nicht stillhalten. "Sie bringen die erzieherischen Voraussetzungen für den Unterricht nicht mit", so Hotter. Die Schüler hätten außerdem weniger Respekt vor den Lehrern als früher, Fehlverhalten bleibe oft ohne Konsequenzen.

Ein weiterer Faktor laut Bernd Chibici von der ARGE Zuhören: In drei Viertel der Schulen herrschten schlechte akustische Rahmenbedingungen. Besonders extrem sei die Situation in Pausenhallen, Turn- und Werksälen, wo der Geräuschpegel bis zu 100 Dezibel ansteige - das ist so laut wie ein Presslufthammer. Schuld sind die im Schulbau genutzten Materialien wie Glas, Stahl und Beton, die den Hall reflektieren. Dämpfende Teppiche oder Vorhänge fehlten oft - angeblich aus Brandschutzgründen. "Dabei gibt es auch feuerfeste Ausführungen, die sind nur etwas teurer."

Auch der österreichische Komponist Peter Androsch, Leiter des Musikprogramms der Kulturhauptstadt Linz 2009, hatte vor allem moderne Schulbauten jüngst als für das Hören "äußerst problematisch" bezeichnet. Durch den Rückkopplungseffekt von parallelen Wänden steige auch der Aggressionspegel der Kinder. Diese müssten laut werden, um sich Gehör zu verschaffen. Ein vernünftiges Lernen werde dadurch unmöglich, sagte der Komponist. (APA)

 

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